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Eine Band häutet ihr Publikum

Wer immer noch der Meinung ist, man könnte bei einem Sektempfang „gleich zu Bier übergehen“, hat, was Aperitifs und dergleichen betrifft, noch nicht viel verstanden. Bevor Kalbsröllchen im Kräuternetz serviert werden, sollte man unbedingt Terrine von der Wachtel zu sich genommen haben, damit der Speichelfluss dergestalt in Wallung gerät, dass man sich an das obligatorische Frühjahrshochwasser erinnert. Holtadiepolta.

„La Grande Illusion“ treten spät auf. Jedenfalls für mich, als Sonnengestresster, der den ganzen Tag über dem Ozon huldigte und nun in einem sehr kleinen engen, verwinkelten Club vor der Bühne steht. Meinen Kenntnisstand (Forum, Freunde, Telefonpartner) steckte ich tief in meine Taschen. Jetzt sollte die Musik auf mich wirken, was sie auch überaus positiv tat. Eigentlich klingen „La Grande Illusion“ ein wenig wie 2Raumwohnung auf englisch, aber noch zuckersüßer und poppiger. Die Sängerin hat eine gute Backing-Vocals-Stimme, singt aber zu ihrem eigenen Nachteil auch mal Hauptteile. Dann eher flatterig und windschief. Nebenbei kann sie Akustik-Gitarre spielen, was aussieht, als käme sie gerade von einem Besinnungswochenende mit klassischer Musik. Der Sänger sieht in seinem Anzug aus wie ein englischer Mann in Bielefeld. Äußerlich unauffällig könnte er fast ein Bruder von Thees Uhlmann sein. Ich bin mir zwischendrin auch nicht sicher, aber sobald er anfängt zu singen, ist kein Zweifel erhaben genug. Die Musik kommt bei mir als Verquickung der Go-Betweens mit Elektronik an. Eine kurzweilige halbe Stunde, die einen vom eigentlichen Hauptact sehr gut ablenkt.

Der kommt dann nach brimboriem Intro in Form vier junger unterschiedlich gekleideter Herren auf die Bühne. Und jetzt vergessen wir mal alle Trainingsjacken der Welt und vor allem alle alten Sätze, die über diese Band gesagt wurden. Es beginnt mit „Ich habe Stimmen gehört“. Ein ruhiger Auftakt. Tocotronic geben die Richtung vor. „Aber hier leben, nein danke!“ wird vom Publikum zur Kenntnis genommen. Das neue Album hat sich anscheinend noch nicht herumgesprochen. Tocotronic spielen einen Songmix aus den letzten drei Alben, wobei der Fokus auf „Pure Vernunft darf niemals siegen“ liegt.

Das Wesentliche ist unsichtbar und so versuche ich, das was ich auf der Bühne sehe zu verstehen. Da ist Jan Müller, der gelassen seinen Bass spielt und sehr bühnenpräsent ist. Ab und zu schaut er fast bewundernd zu Dirk von Lotzow herüber oder tauscht einen Blickkontakt mit Rick Mc Phail aus. Der wiederum macht den Eindruck, als sei er dazu gestellt worden und wolle nur seine Gitarre stimmen. Die Melodien, Riffs und Helferlein gehen in seiner stoischen Ruhe fast verloren. Arne Zank am Schlagzeug mutiert zu einem Rhytmusmonster. Seine Out-Of-Timing-Fill-Ins finde ich regelmäßig sensationell. So gehört bei „Drüben auf dem Hügel“, dass ja schon im Originalzustand ein krankes Schlagzeug mitbringt. Bei den neuen Songs bildet er mit Jan Müller ein solides Fundament, an dem keine Gitarre der Welt zerren und zurren kann. Dirk von Lotzow kann Furcht einflößend wirken. Mit jedem Schweißtropfen in seinem Geicht kommt er dem Wahnsinn näher. Er gibt beim Gesang keine Fäden aus der Hand. Es gibt nichts zum Mitsingen, dafür aber freundliche Ansagen, die nicht immer zur Musik passen. Das Publikum bleibt ruhig und gelassen als nach einer Stunde mit „Pure Vernunft darf niemals siegen“ der letzte Song gespielt ist. Verhaltener Applaus und sehr späte Zugabe-Rufe zeigen den Graben der Erwartungshaltung. Auf der Bühne eine Band, die sich ihrem jugendlichen Kokon bereits entledigt hat, vor der Bühne noch immer die Slogan-Jünger in Aufbruchstimmung, vermischt mit älteren altersweisen Besuchern, die froh sind, dass es Alben wie „KOOK“, „Tocotronic“ und „Pure Vernunft…“ gibt. Die gangbare Art Deutschrock zu genießen. Doch der erste Zugabenteil bedient dann die nie älter werdenden Fans mit drei Songs aus vergangenen Tagen. Dabei wird „Ich muss reden, auch wenn ich schweigen muss“ bis zur Unkenntlichkeit zerrockt und so schnell gespielt, dass kein Hüpfen möglich ist (gut!). Danach dann „Drei Schritte vom Abgrund entfernt“, dass ebenfalls in zerstörerischer Art präsentiert wird. Böse, bitter und vielleicht sogar wahr. In ein Feedback fallen die ersten Töne von „Freiburg“ und von Lotzows Gesicht zeigt, was er hasst. Als wolle er sich den ganzen Frust von der Seele schreien. Fahrradfahrer, Backgammonspieler und Tanztheater. Konzertbesucher fehlt noch. Das nimmt die Band mit in die zweite Pause, die natürlich viel frenetischer begangen wird. Tosender Jubel und allgemeine Erheiterung. Gib ihnen was sie wollen. Der dritte und letzte Akt beginn t mit „Hi Freaks“, also wieder einem kritischen Lied über ungewollte Beziehungen. Mürrisch und unrund kommt der einst so fluffige Song rüber. Dafür gibt es aber ein wunderschönes und langes „Rock Pop in Konzert“ und zum Abschluss das fast schon obligatorische „Neues vom Trickser“. In schwelgerischer Dramaturgie baut sich der Song wie ein Mantra auf, bis der Gesang von räumlicher Nähe in unendliche Weiten gemischt wird. Eines ist doch sicher. Eins zu eins ist jetzt vorbei. Letzte Worte. Danach häutet die Gitarre von von Lotzow das Publikum und schiebt Schicht um Schicht durch die Boxen. Mit zunehmender Kakophonie baut sich ein imaginärer Vorhang auf der Bühne auf, der die Musiker vom Besucher trennt. Abgang und Schluss.

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