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01.11.05 Heinz-Rudolf Kunze - Osnabrück Rosenhof

Während im Hintergrund eine CD von Johnny Cash (Unearthed) läuft, füllt sich das Rosenhof merklich. Es ist ausverkauft. Kurz vor acht wird die Musik von der Konserve deutlich lauter und „Strawberry Fields Forever“ in einer Cover-Version erklingt. Danach noch eine Cover-Version von „Bridge Over Troubled Water“ vom Meister himself ebenfalls von CD. Erstaunlicherweise erkennt man Kunzes Stimme, wenn er englisch singt, kaum wieder. Plötzlich hat sie etwas warmes, ohne die Schärfe zu verlieren. Das Ende Songs mündet dann in dem Intro von „Ich bin für Dich da“ vom neuen Album. In den nächsten eineinhalb Stunden werden sich aktuelle Songs mit alten Songs abwechseln. Zunächst spürt man als Zuhörer die Anspannung der Musiker, immerhin ist es der Tourauftakt (mal wieder). Doch mit jedem Song wird es zwingender und lockerer. Ungefähr nach der Hälfte des Sets („K.“ wirkt noch ziemlich verkrampft, wird aber von einer dramatischen Lightshow gerettet) beginnt die Band zu rocken („Stirnenfuß“) und macht dem Sänger ordentlich Dampf unter den Hintern. Von links nach rechts sind das Jörg Sander (git), Jens Carstens (dr), Wolfgang Stute (perc), Leo Schmidthals (bass) und Heiner Lührig (git). Mitunter spielt HRK auch selbst Gitarre, Klavier oder Mundharmonika. Der Sound im Rosenhof ist ausgewogen brillant und differenziert. Einzig die Stimme ist derart kühl, dass sie wie ein Messer den Wohlklang schneidet, aber gerade deshalb sehr gut zu verstehen. Das reguläre Set schließt dann mit der akustischen Variante von „Ich bin für Dich da“. Der Zugabenteil beginnt mit „Ich habs versucht“, zu dem das ansonsten restlos begeisterte und aufmerksame Publikum andächtig schweigt. Das verlangt auch der Vortrag, denn – Heinz-Rudolf Kunze singt es derart zärtlich, gerade inbrünstig, als hätte er das Lied erst gestern geschrieben. Und um den Eindruck noch zu verstärken, geht er danach erneut von der Bühne, um nach einem kurzen Moment zurück zu kommen und mit „Dein ist mein ganzes Herz“ und „Dies ist Klaus“ die ‚Uhr zwanzig Jahre zurück dreht. Danach gehe ich, es ist jetzt schon nach zehn, aber viele bleiben und erleben noch „Wenn Du nicht wieder kommst…“

Die andere (meine) Art der Betrachtung!
Als Heinz-Rudolf Kunze fast sechs Jahre alt ist, sieht er im Rosenhof seinen ersten Film. Auch ich sah dort meinen ersten Film, allerdings war ich schon älter. Ein Kino, das zu einem Veranstaltungssaal umgebaut wurde, dient heute als Bühne für den ehemaligen Osnabrücker Musiker. Es gibt nur noch wenige Künstler, die ihre Konzerte um 20.00 Uhr beginnen. Noch weniger davon verzichten auf eine Vorgruppe und noch weniger davon sind auch wirklich pünktlich. Da ist schon mal für eine positive Grundstimmung gesorgt. Während ich mich zur Theke begebe, sehe ich mich um. Die Frauenquote ist relativ hoch und die meisten Männer sehen mitgenommen, im Sinne von „Schatz, ich habe uns Karten für Kunze besorgt. Den mochtest Du zu Deiner Studentenzeit doch gern!“ aus. Ich bin allein hier. Wo soll ich mich eingruppieren?
Kunze also mal wieder. Wie lange ist das jetzt her. Bestimmt 12 Jahre, dass ich ihn ive gesehen habe. Damals muss es wohl so unsäglich gewesen sein, dass ich danach kein Verlangen mehr gespürt habe, überhaupt noch irgendwas von ihm hören zu wollen, bis – ja bis ich ihn im Frühjahr im Fernsehen bei einem Auftritt gesehen habe. Dort hat er gerockt, nicht geredet, die neuen Songs klangen sowieso schon weniger nach Stirnrunzeln und deshalb wollte ich einmal noch dabei sein, wenn er richtig gut abgeht.
Da kommt er also auf die Bühne, mit einem Barett (vorne ein roter Stern), (zunächst könnte man glauben, er hat eine Glatze, doch als er dem Publikum den Rücken zudreht, sieht man eindeutig Haare), roter Brille („Das ist sein Markenzeichen“ weiß eine junge Frau ihrer Freundin zu erzählen) und energischem Schritt. Von vorn betrachtet kann man Angst vor diesem riesigen alles verschlingenden Mund bekommen. Er trägt ein schwarzes Jackett über einem schwarzen Hemd. Das sieht schick aus und wird auch über die gesamte Spielzeit anbehalten. Eine gewisse Strenge geht von HRK aus. Etwas unbeholfen sieht es aus, wenn er zum Rhythmus mit angewinkelten Armen versucht zu tanzen oder geschmeidige Bewegungen zu machen. Nun, dafür sind wir ja nicht hier, wir die Oberschichten-Gutfinder, die Etwas-Besseres-Verdienenden. Ich komme mir so dumm vor, weil ich viele Namen, die Kunze dropt einfach nicht kenne, und wenn ich sie kenne, nicht weiß was sie machen und wenn ich weiß was sie machen, nicht weiß, was ausgerechnet Kunze daran auszusetzen hat. Bin ich wirklich schon so verblödet? Um mich herum immer dieses wissentliche Lächeln oder gar Lachen, wenn, und das will ich in Konzerten nicht, Kunze zu einem seiner selbst geschriebenen Texten anhebt und sie vorliest, als sollten es Gedichte sein. Herrje. Da wird über die Verödung und Verblödung der deutschen Sprache nachgedacht, von Konzentrationsmängellagern gesprochen (jaha, das ist der Duktus, den er am besten kann), da wird von einer Bundespressekonferenz berichtet. Doch doch. Der gebildete Zuhörer kennt sich gut aus, weiß alles, kann alles und findet Verona Pooth, Stefan Raab und Oliver Pocher mindestens genauso unerträglich, wie es Kunze einem weiß machen will. Ich glaube ihm nicht, denn er hat selbst gesagt: Glaubt keinem Sänger! Ja was denn nun?
Wie glaubhaft ist denn einer, der zu Beginn seines Konzerts vom Band seinen Bonus-DVD-Track von der kommenden „25 Jahre Brilleputzen mit HRK“-DVD (der echte Titel will mir nicht einfallen) spielt, der – mitten im Konzert ohne Not eine Version von „Waiting For My Man“ anstimmt und auch zu Ende bringt, als wenn es gar nichts zu bedeuten hätte? Ist das dann die Quoten-Internationalität?
Schweiß hingegen, Schweiß läuft bei diesen Konzerten nicht mehr. Oh, wie weit entfernt ist dieser Auftritt von der mitreißenden Erinnerung, die mich in diesen Deutschlehrerpfuhl geführt hat. Ein Abend Kunze und man redet am nächsten Tag gleich anders. Alles hat Bedeutung, Gewicht und rettet die Sprache. Und wer rettet mich? Könnten Kunzes Songs mein Leben retten? Ich glaube nicht.
Und dann rettet mich das Publikum. Als ich bereits von Gähnattacken geplagt schlaftrunken schwanke und die Zugabenpause beginnt, ruft der Kunze-Fan nicht einfach blöd „Zugabe“, so wie es die Prolls tun. Der Bildungsbürger singt natürlich „Wenn Du nicht wiederkommst…“ und es klingt so wie in einer gut gefüllten Kirche zu Weihnachten. Schrecklich gemeinschaftlich, schrecklich verständnisvoll und total lieb, du. Mein Gähnen wechselt sich nun mit kalten Rückenschauern ab. Ist es das, was Kneipp unter gesund verstand? (Na gemerkt? Ich kenne auch gute Namen, von Leuten, von denen keiner genau weiß, was sie eigentlich gemacht haben) In der zweiten Zugabenpause schafft es das Publikum dann, wenigstens einheitlich anzufangen und nicht so kanonartig wie zuvor, was letztendlich etwas unverständlich wurde. Ich überlege gerade, ob es dem Abend nicht besser gestanden hätte, wenn das Publikum doch lieber „Zugabe“ gerufen hätte oder wenigstens „Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss“ oder „Ich glaub es geht los“ gesungen hätte. Spekulationen im November. Zu Beginn des dritten Zugabeblocks gibt er dem Volk, was es will. Ich gehe – und komme nicht wieder.

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