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Max Goldt – 16.02.2005 Osnabrück

Immer wenn ich zu Veranstaltungen gehe, bei denen Menschen mitmachen, die ich nicht von Bildern kenne, stelle ich mir die dazugehörigen Personen solange vor, bis ein Realerlebnis diesen Fehler korrigiert. Max Goldt hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Ich dachte an einen hageren schlacksigen Menschen mit sonnengebräuntem Gesicht. Eine Mischung aus Carlo Tränhart und dem Vollstrecker. Meine Enttäuschung war aufgrund dieser Vorstellung nicht sonderlich groß, als Max Goldt auf die Bühne kam. Sogleich revidierte mein Gehirn sämtliche Macken und schnitt dazu alle unsympathischen Synapsen gleich mit ab. Schlacksige Typen haben Berufe wie Bademeister, Fitnesslehrer oder Windsurfer. Die anderen scheinen mehr mit dem Kopf zu arbeiten. Gehirnjogger gar.
Das Haus der Jugend, in dem die Vorlesung statt findet ist städtisch betrieben und deshalb sind die Bierpreise auch etwas höher als in Jugendzentren und aus diesem Grund steht auf der Bühne auch nur ein schwarz abgehängter Tisch mit einem Glas Wasser drauf. Beides ist anfangs allerdings noch leer. Was ich nicht sehen kann sind ein Stuhl und eine Flasche Mineralwasser, aber wie bei der Geometrie und dem räumlichen Denken „sieht“ man ja auch Dinge, die da sind, aber die man nicht sieht. Man spürt förmlich ihr Dasein. Daher gibt es ja auch dieses schroff abweisende Sprichwort: Nur weil man etwas nicht sieht, muss es nicht nicht da sein.
Nach einer Weile von 20 Minuten, die ich mit wartendem Sitzen verbrachte, kommt endlich der Roadie auf die Bühne, um das Funkmikrofon anzuschalten und dem Lesenden, bzw. demnächst Vorlesenden Wasser in das Glas zu füllen. Ich kenne den jungen Mann vom Sehen und weiß, dass er für solche Aufgaben prädestiniert ist, denn er reicht vor Auftritten von Rockbands auch gern mal die Handtücher an oder sitzt bei anderen Gelegenheiten hinter einem großen Mischpult und sorgt für den guten Ton. Da er den bislang immer getroffen hat, ist er mir nicht unsympathisch. Anders als mein Gefühl bei vielen meiner Mithörer heute. Eigentlich sollte man sich nicht an Äußerlichkeiten stören, schon gar nicht, wenn man sich zu der aufgeklärten Kaste zählt, aber nicht immer kann der Kern die Schale bestätigen. Wenn man weit vorne sitzt, genießt man zwei Dinge. Man sieht nicht, wer alles hinter einem sitzt und man kann gleichzeitig gut mitbekommen was auf der Bühne passiert. Aber was soll schon passieren, wenn man auf einen Punkt starrt, an dem sich ein mit einem Tuch schwarz abgehängter Tisch und ein Glas Mineralwasser paaren? Gleichzeitig sind die Ohren für jegliche Gesprächsfetzen sensibilisiert, die aber in dem allgemeinen Gemurmel und Gebrabbel untergehen. Der Geräuschpegel nimmt übrigens in Wellen zu. Eine zwanzig Minuten vor dem Auftritt und eine zweite eine Minute vor dem Auftritt. Das hängt vermutlich mit dem Erscheinen der Gäste zusammen.

Pünktlich zur angegeben Uhrzeit erscheint Max Goldt mit einer Mappe voller Manuskripte und einem Buch und einer losen Blattsammlung auf der Bühne. Der Umschlag ist blau, was aber nicht weiter von Belang ist. Der Fehler liegt trotzdem manchmal im Detail. Vor meinem geistigen Auge zerplatzen gerade Seifenblasen, in denen Vertreter der oben erwähnten Berufszweige sitzen und nun zu Boden Purzeln, wo sie von meinen Füssen verachtend zerquetscht werden. Ruhe da unten, ich will etwas hören.

Nun war ich noch nie auf einer Vorlesung, aber für alle, die auch noch nie da waren sei gesagt: Es ist wie ein live gelesenes Buch. Es gibt keine Musik, kein Tanz und kein Spiel. Eins zu eins übertragen. Wie ein Rockkonzert, allerdings ohne Mosh-Pit, Rein-Raus-Geher, Im-Weg-Steher oder Lieblings-Songs-Brüller. Hier hat alles und vor allem jeder seinen Platz und den gilt es durch Aussitzen zu verteidigen. So denke ich jedes Mal und führe das auf ein traumatisches Erlebnis aus meiner Kindheit zurück, als ich noch „Die Reise nach Jerusalem“ spielte.

Max Goldt sagt, was uns erwartet und beginnt zu lesen. Anders als bei Konzerten gibt es hier keine Setlist. Er liest, während alle anderen schweigen. Schweigen? Nein. Es wird zwischendrin gelacht und es gibt Szenenapplaus für besonders gelungene Wendungen und Endungen, ganz so wie beim Rockkonzert, wenn der Gitarrist etwas macht, womit man nicht rechnet. Eine Pause zum Beispiel. Eine Pause kündigt Max Goldt dann auch zu Beginn an und so geschieht es auch. Nach drei Texten ist bereits eine Stunde herum und es wird Zeit, sich den Stand mit Büchern und Hörbüchern anzusehen. Außerdem bringe ich meine Bierflasche weg und reihe mich in die „Wann-ist-die-Pause-denn-endlich-vorbei“-Wartenden ein, die ziel- und belanglos rumstehen und alleine da sind. Alle anderen müssen offensichtlich die gerade gehörten Worte sogleich wieder von sich geben, wie in einer Art geistiger Bulimie. Ich erkenne Textfetzen und zwei junge Frauen, ganz junge Frauen in dem Alter zwischen Schulbank drücken oder Hörsaal schwänzen versuchen den doch einfachen Buchtitel „Vom Zauber des seitlichen dran Vorbeigehens“ zu rekonstruieren. Dabei brauchen sie nicht einmal die Groß- oder Kleinschreibung beachten. Allerdings amüsiert mich der Versuch der beiden sehr, erinnert er mich doch an Loriots Bratfettsketch, in dem Silben zusammengesetzt werden mussten.

Auch eine Pause findet mal ihr wohlverdientes Ende und wieder kommt Max Goldt mit energischem Schritt auf die Bühne. Unterm Arm wieder die Mappe. Es folgen zwei Texte, von denen er sagt, dass der eine acht Jahre alt ist und der andere acht Tage. Das allein reicht bei einigen, um sie zum Lachen zu bringen. Was sind das eigentlich für Menschen, die in der ersten Reihe sitzen? Ich jedoch überlege, ob Max Goldt am nächsten Tag dann auch einen Text parat hat, der neun Jahre alt ist. Sicherlich wird er, denn er schreibt wohl viel, wie man an den zahlreichen Büchern ablesen kann.

So wie es ein Ritual ist, eine Zugabe zu geben, auch wenn niemand sie gefordert hat, ist der Ab- und Aufgang zum Encore-Bereich eins. Nach zwei geschlagenen Stunden Lesearbeit schließt Max Goldt und bereitet sich auf das Signieren seiner Bücher vor. Ich habe mir in einem Anflug von Habgier gleich zwei Bücher in der Pause gekauft und konnte mich nicht mehr konzentrieren, da ich die ganze Zeit überlegte, was mir Max Goldt in mein Buch schreiben sollte. „Ach Herr Goldt, bitte schreiben Sie doch ein kurzes Essay über die Bedeutung von Internetforen.“ oder „Schreiben Sie doch bitte etwas kraftvolles (eine Anspielung auf eine Stelle in seinem ersten Text, die allein dazu dient, dem Vortragenden streberhaft zu zeigen, dass man aufgepasst hat).“ oder ich bitte ihn darum, einen eigens von mir vorbereiteten Satz, den ich schon viele Jahre mit mir trage, einmal durch seine Handschrift verewigt in eins seiner Bücher zu schreiben, um fortan damit prahlen zu können, dass Max Goldt von mir abgeschrieben hat. Vorausgesetzt es brennt nicht.

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