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REM-Prelistening, 29.9.2004 Berlin

Wann immer sich zwei Musikfans, die sich durchs Internet kennen gelernt haben das erste Mal sehen, so geht es mir jedenfalls jedes mal, tauschen sie ein kurzes "Hallo, ich bin...", um sich fortan gegenseitig in Grund und Boden zu reden, vorausgesetzt man spricht den gleichen Dialekt oder am besten - hochdeutsch ohne Lokalkolorit oder Slang.
Mittwoch, 29.09.04 - Balin, wa?!
In Potsdam werde ich an einer Tankstelle freundlichst bedient. Zufällig musste ich tanken (mein Auto natürlich) UND nach dem Weg fragen, denn Routenplaner schreiben nicht, wie die Pfade beschaffen sind, auf denen man wandelt. Dabei erlebe ich, dass der Potsdamer, der eher etwas anderes spricht als der Berliner, selbst zu technischen Geräten ein fast menschliches Verhältnis aufbaut und die Verweigerung eines EC-Kartenlesegerätes kurz mit einem "Det is ein alter Meckerpott" beschreibt. Am Ende siegt die Vernunft, also ich.
Am Dorint-Hotel angekommen frage ich das emotionslos geschulte Personal nach einem Telefon. Freundlich uninteressiert wird mir der Münzfernsprechapparat gezeigt. Halleluja. Kurze Zeit danach treffe ich mich mit Sebastian F. (nicht vom Bahnhof Zoo!). Zusammen fahren wir nach zum Haus des Rundfunks. "Balin, wa?!" - "Det jeht!" ist ein running Dialog während der nächsten vier Stunden. Ich gebe zu, das ich für diese Stadt nur wenig Begeisterung aufbringen kann und jede Eigenart als ebensolche belächele oder beachte. Gegenüber vom Haus des Rundfunks stellen wir neben dem Auto auch das Radio aus (was zwar nicht stimmt, aber es passt gerade gut). Kurze Orientierung meines Städteführers und schon geht es Richtung Innenstand, wobei man das mal in Frage stellen kann, denn was heißt schon Innenstadt, wenn der Durchmesser der Stadt ca. 50 Km beträgt. Balin, wa?!
In einer ausgesprochenen Szenekneipe mit Spiel-Hinter-Vorzimmer vor den Toiletten fühle ich mich an das erste Forumstreffen 2001 in Berlin erinnert. Die Wirtin scheint 'ne echte Berliner Göre zu sein, Ende 49, vorsichtig geschätzt und dufte drauf. Witzig, lebensübersprudelnd, genau so, wie man es von einem Gastwirt erwartet. Besonders, wenn man sich in Ruhe unterhalten möchte, was aber auch klappt. Als wir wieder auf dem Rückweg sind denke ich noch so "Balin, wa?!".
Im Haus des Rundfunks angekommen, ist der Saal bereitet für die eigentliche Veranstaltung. Im Schatten des ICC gibt es heute einen Pre-Listening-Abend anlässlich des kommenden REM-Albums "Around The Sun". Nicht zu verwechseln mit sogenannten 'Album-Release-Parties', die frei Trinken bei freiem Eintritt verheißen. Dennoch oder gerade hier sind alle Getränke frei, die Chicks jedoch nicht und trotzdem muss ich immer an "Money for nothing" denken. Nachdem wir uns über die Gästeliste eingecheckt haben fällt uns nacheinander auf, dass es auch in Berlin eine Passantenvermietung gibt. Hier hat heute die Abteilung Doppelgänger zugeschlagen. Das Phänomen bei Hundebesitzern, die sich im Laufe der Jahre ihrem Vierbeiner gesichtsmäßig zu ähneln beginnen oder ganz alte Paare, die sich äußerlich im Laufe der Jahre immer gleicher werden trifft wohl auch bei dem Verhältnis Star-Fan zu. An diesem Abend hat man sich überlegt, Wolfgang Niedecken, respektiv dessen Doppelgänger ins Rennen zu schicken. Er sieht nicht nur so aus, er bewegt sich auch so – aber ich wage zu bezweifeln, dass der echte Wolfgang Niedecken so viele Erdnüsse in sich hinein schaufelt. Außerdem war die Hose zu weit, aber alles andere passte schon ziemlich gut, bis hin zu den Gesichtszügen. Eine Begegnung der dritten Art.
Die hatte ich., bzw. alle anderen auch als Herr Schonälteraberjugendlich-UndvermutlichChefvonWarner sich auf den Bühnenrand setzte, obwohl auch ein Sofa nebst Leselampe platziert war. In schwelgerischen und blumigen Worten wurde uneigennützig Werbung für ein neues Produkt gemacht, dass auch ich kurz anpreisen möchte. Am 08.11. erscheint eine 4er-DVD mit zehn Stunden Material vom Live-Aid-Konzert von 1985. Bob Geldof durfte via Videobotschaft noch etwas dazu sagen und wirkte künstlerisch verwirrt. Vielleicht auch nur so verwirrt, vielleicht auch nur müde.
Anschließend ergriff Alan Bangs das Wort und moderierte ein Interview mit Stipe und Mills an, erzählte etwas vom Hergang, den Schwierigkeiten und einem überraschenden Ergebnis. Das Interview war nicht untertitelt und die ca. 80 Zuhörer taten jedenfalls noch interessiert. Bruchstückhaft kamen einige verständliche Fetzen an. Es ging um die Songs des Albums, was bis dato kaum einer gehört haben sollte.
Hierauf folgt dann das Hören des Albums und während der erste Song "Leaving New York" noch von einem Video begleitet wird, zeigt man zum Rest der Songs nur vier, fünf oder ach komm, lass es sechs verschiedene Bilder gewesen sein, die in der immergleichen Reihenfolge durchlaufen. Balin, wa?!
Ich ergreife die Gelegenheit und unterhalte mich kurz mit Alan Bangs, der MICH fragt, ob das Interview zu lang gewesen wäre. In einem meiner hellsten diplomatischen Momente antworte ich ehrlich und er erzählt mir von Brian Eno und Michael Stipe und vermutet in mir einen Fan. Das Missverständnis kann ich leider nicht mehr aufklären, da wenig Zeit ist. Seine persönliche Meinung, und das muss ich betonen, denn darauf legt er Wert, seine persönliche Meinung zu dem Album losgelöst von der Musik-Journaille lässt keine fünf Sterne zu, aber er sagt einen Satz, der womöglich nicht zu Ende ist oder bewusst an der Stelle endet: "Ein Fan wird das Album vier oder fünfmal hören..."

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