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Wolf Maahn & Band – Osnabrück Lagerhalle 01.10.2004

Die Lagerhalle ist voll und wirkt dann regelrecht gemütlich mit den Backstein- oder Sandsteinmauern. Weiter als ich kann keiner hinten stehen, direkt an der Theke, was kein Vorteil sein muss, denn hier kommen sie alle vorbei. Wer auf 80er-Jahre-Filme steht, in denen es um Zeitreisen geht, bekommt hier einen fast realistischen Eindruck davon. Viele Besucher direkt aus 1984, nur zwanzig Jahre älter, inklusiv zu enger Lederjacke. Zehn Jahre ist es jetzt her, dass Wolf Maahn anlässlich seiner unplugged-Tour im etwas größeren Hyde Park spielte. Seitdem trage ich eine schöne Erinnerung an einen der letzten großen Rocker in mir. Zum Schluss rockte er plugged "It's Only Rock'n Roll" von den Stones hinterher. Blende - zehn Jahre später.
Das Klanggebilde, zu dem die Band und Wolf Maahn auf die Bühne kommen, ist gleichzeitig das Intro des ersten Songs an diesem Abend vom neuen Album "Zauberstraßen". Mit Ausnahme von "Rosen im Asphalt" und "Kleine Helden" arbeiten sich Maahn in eigener Sache und vor allem die Band in der ersten Stunde am aktuellen Album ab. Hier spielt die Band perfekt, aber holprig. Allerdings sind die Songs nicht halb so spannend, wie die mittelmäßige Setlist der zweiten Hälfte. Wohlwollend verzeihe ich. Hier ist bereits eine Entscheidung gefallen. Egal wie sauber und perfekt musiziert wird, es fröstelt. Der Gitarrist wird im Laufe des Abends weder lächeln, noch den Blick von seiner Stratocaster in Sunburst-Lackierung abwenden. Schon gar nicht wird er kommunizieren wollen. Dafür schöpft er für seine technisch einwandfreien Dudelsolos regelmäßig Szenenapplaus ab. Wolf Maahn freut sich, hat Spaß und offensichtlich gute Laune. Das Publikum hat anfangs bessere Laune und ist sogar in der zweiten Hälfte bei den älteren Songs textsicher. Wer jetzt an "Fieber", "Der Clown hat den Blues" oder "Blinder Passagier" sowie "Deserteure" denkt, liegt völlig daneben. Es gibt Lieder von der Zeit nach den Deserteuren, die seine jetzige Band nicht adäquat umsetzen kann, obwohl sie dazu in ihrer Perfektion sicher in der Lage wären. Was fehlt ist gerade bei den älteren Songs das Schmiermittel in Form von Gefühl. Ich habe Maahn mal mit Helmut Krumminga, mal mit Ralf Gutske gesehen, vielleicht auch mal mit beiden. Da zündete jede Idee und die Bühne war eine Talkshow unter Musikern. Das eingangs erwähnte "Rosen Im Asphalt" folgt in Sachen verhackstückt´ dem völlig desolat gespielten "Irgendwo in Deutschland". Aber auch "Ich wart auf Dich", sicherlich eins von Maahns stärksten Stücken verblasst. Und so endet mit "Wenn der Regen kommt" das Konzert zu einem regulären Zeitpunkt nach 90 Minuten. Zuvor gibt es "Freie Welt" vom "Der Himmel ist hier"-Album. Nicht schlecht, aber selbst das wollen die Altvorderen nicht hören. Vom rockigen "Libero"-Album gibt es mit "Vorstadtmädchen" ebenfalls eine Demonstration für unpassende Songs. Gleiches gilt für "Stunde um Stunde", das mit dem verrinnenden Takt vom Album nichts mehr gemein hat und schludrig ohne Beachtung auf die Seele des Songs perfektioniert wird.
Und schon geht es in den Zugabenteil, der etwas Soul beinhaltet und den Bassisten fordert, der bereitwillig seine Perfektion unter Beweis stellen möchte. Ein Solo erspart er vor allem allen und sich und das ist schon ein Höhepunkt. Dafür gibt es über einem Soul-Funk-Gemisch das obligatorische "Direkt ins Blut-absolut"-Singalong für Künstler und Publikum mit eingearbeiteter "Sex Machine"-Intarsie, sowie einem keyboardspaßigen "Smoke On The Water". Überhaupt ist es ein Zitateschatz, den aber auch keiner heben will und der endgültig versenkt werden muss, wenn Wolf Maahn aus "Fieber" ausgerechnet "Aber wo ist die Grenze der Besonnenheit, wenn du einkaufst und John Lennon durch den Supermarkt hallt?" rappt. Wo ist die Grenze? Wo ist sie geblieben? Der Abend endet mit "Wunder dieser Zeit" vom "Kleine Helden"-Album. Wolf Maahn sagt, es hat ihm Spaß gemacht und vielleicht sieht man sich ja mal wieder. Jetzt ist wieder 1984, als man 18-24-Jährige noch verhohnepiepeln konnte. Heute gehe ich schweigend, ohne Biss, ohne Kuss. Manchmal sollte man wirklich Dinge nur in Erinnerung behalten.

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