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Hurricane-Festival 2004 Scheeßel

Sarah Bettens Die Sängerin von K's Choice hatte einen schweren Stand, denn viele Festivalbesucher steckten zu ihrer Auftrittszeit noch im Stau fest. Andere steckten bei den Pixies oder Placebo. Das war gut, denn so hatten wir einen guten Bierstand mit netter Bedienung und gutem Blick zur Bühne. Frau Bettens war gut gelaunt und präsentierte ihre Songs mit Routine, Spielfreude (das muss sich ja nicht ausschließen) und dramaturgisch auf einen Höhepunkt herauslaufend. Mein Highlight war "Not An Addict" von K's Choice, wobei sie das Intro ruhig inbrünstiger hätte gestalten können, aber es war auch noch kalt und nass.

Mogwai
Es gibt nur selten noch Bands auf die ich mich freue und zu denen ich eine innere Anspannung aufbaue kann. Mogwai gehören zweifelsohne dazu.
In Scheeßel verzichtete die Band auf Gesang und präsentierte einen Instrumentalgig. Vielerorts störte man sich an der getragenen Musik, für mich war es der größte Moment überhaupt. Es wirkte zu der Kühle angenehm heimelig und herzlich begrüßend. So schwelgte ich bald bierselig, mein Mitteilungsbedürfnis drastisch reduziert, in Melodien und Klangcollagen. Es gibt selten bessere Soundtracks für Momente.

Air
Vorweg: Air brachten alle Besucher am Freitag gut ins Bett. Natürlich spielten sie viel von ihrem aktuellen Album, was mir persönlich auch gut gefällt. Am nächsten Morgen sollte ich erfahren, dass Air zwar ein prima Soundtrack für Bettgeschichten wären, aber auf einem Festival nichts verloren hätten. Ich will es mal so sagen: Wenn ich einen Fortpflanzungsversuch antäusche, dann gehe ich nicht auf ein Rock-Festival. So war jedenfalls für Spannung am Samstag gesorgt.

Tomte
Mahlzeit! Hier Tomte. Jaja, alles bekannt. Das Wetter zeigte sich von seiner freundlichen Seite. Ein mittlerweile gewohnt lockerer, aber perfekter Auftritt meiner letzten Lieblingsband. Im nachhinein muss man positiv erwähnen, dass sie kein "Hurricane" ins Publikum blökten. Das machten andere Bands die ganze Zeit und ich hätte am liebsten mal so was wie "Zelten" geschrien, oder den Namen meiner Mutter. Ich bin zehn Minuten früher gegangen - man kennt sich.

Danko Jones
Irgendwann rutschte es mir raus. An einer (haha) Bierbude sagte ich beiläufig: "Ich möchte nicht ständig angeschrien werden", aber Danko Jones unterhielt die Massen mit Musik und Ansagen. Wie schon im letzten Jahr der Wake-Up-Honey für müde Camper. Nachdem Tomte den Kopf intellektuell gewaschen hatten gab es hier die kalte Rockdusche. Laut, gewaltig und selbstverliebt. Da lässt man sich schon mal gehen und hört im letzten Song noch auf die Namen der Verstorbenen aus dem letzten Jahr. Dann weiß man, dass ein Jahr rum ist. Bewegend.

Graham Coxon
Ein durch und durch sehr guter Auftritt des Ex-Blur-Gitarristen, der gar nicht genug gelobt werden kann. Eine sehr gut rockende Begleitband und ein abwechslungsreiches Programm, dass den klassischen Popsong genauso bereithielt, wie kakophonische Ausflüge in die Welt der nach oben offenen Dezibel-Skala. Gemein, warm, entsetzend und entertained. Eine DER Entdeckungen auf dem Festival

I Am Kloot, Bright Eyes
Diese Band musste leider nur ein Lied mit mir auskommen, aber es schien, als habe der Sänger ein fucking Problem mit sich und seiner Welt. Ebenso habe ich die Bright Eyes nur ein bisschen gesehen, was sich hinterher als großer Irrtum darstellt, denn:

Donots
Pünktlich zum Auftritt scheint die Sonne mir aufs Haupt und macht mich genügsam und milde. Meine Freunde und ich stehen da und sehen dem Treiben zu. Punk? Oh nein, bitte keine Diskussionen über den Musikstil. Reden wir doch vom Unterhaltungswert. Die klassische Frage zum Schluss an mich: "Na, wie hat Dir das gefallen?" und völlig undiplomatisch sage ich in das leuchtende Fan-Gesicht meines Gegenübers: "Scheiße!!!". Darauf entbricht eine zwanzigminütige Diskussion über Unterhaltung und musikalischen Anspruch. Man einigt sich darauf, dass die Donots einen großen Unterhaltungswert für die Massen haben, sich andererseits musikalisch im neutralen Raum befinden. Ich finde übrigens alle Bands schlecht, die live ihr "Kauft unsere Platte, kauft unsere CD, geht auf unsere Konzerte" propagieren oder sich ständig mit peinlichen Sprüchen beim Publikum anbiedern. Marktschreier verkaufen Wurzeln, Fisch und Eier, aber keine Musik – ihr Deppen.
Aus diesem Grund und einigen anderen mehr habe ich Franz Ferdinand und Billy Talent (muss eine Modemarke sein, denn jeder zweite trug T-Shirts mit seinem Namen, da könnte ich auch mal was zu sagen, aber lassen wir das) verpasst.

Monster Magnet
Großartig. Ausgeruht und aufgefrischt kommt man druckbetankt zum Bierrock'n Roll. Leder, Schweiß, Frauen und der Geruch von Rauch und Bierdunst. Dazu einfach mal die Anlage weiter aufgedreht. Monster Magnet waren mit Abstand die lauteste Band mit der besten Umsetzung der Dreieinigkeit: Sex. Drugs. Rock'n Roll. Danach hatte ich keine Fragen mehr. Die beiden GoGo-Girls waren Blickfang und Unterstreichung zugleich. Sie wirkten nicht mal inszeniert. Zum Schluss dachte ich: Wie Aerosmith, aber konsequenter und härter, so wie das Leben.

Black Rebel Motorcycle Club
Die Light-Version von Monster Magnet? Vielleicht. Ich musste da hin und es lag nicht nur an meiner Kondition, dass dieser Abend eigentlich schon gelaufen war. BRMC berührten mich nicht. Schon letztes Jahr im Zelt mochte ich sie nicht, obwohl es dort besser wirkte. Diesmal gab es zwei Open-Air Bühnen und auf der vermeintlich kleineren wirkten die Jungs zwar präsent, aber auch irgendwie langweilig auf mich. Durst bekam ich auch nicht und ich war froh, als es vorbei war, aber das war noch nicht mal das schlimmste.

PJ Harvey
Es gibt Dinge, die muss man erlebt haben. Z. B. einfach mal bei einem PJ Harvey-Konzert mit lauter alten Säcken neben vielen jungen Säcken und Säckinnen zu stehen. Es wurde voll, aber es wurde nicht gedrängelt und keiner kam mit starrem Blick und offensichtlicher Orientierungslosigkeit zehnmal an einem vorbei gewankt. Ein gutes Gefühl, dass einem gleichzeitig eine Hang zum Autismus bescheinigt. Und so bekomme ich die Überleitung zu gestörten Personen. Paula Johannes Harvey tritt in einem grauen Kleid, mit pinkfarbener Strumpfhose und weißen Cowboystiefeln auf. In einem ersten wohlwollenden Moment bekomme ich noch ein "Das muss eine Engländerin sein" raus, aber dann verschlägt es mir die Sprache. Wir stehen alle da mit offenem Mund, aber unsere Beweggründe sind unterschiedlich. Einer vor mir starrt die ganze Zeit in die Hose der Dame, die vor ihm auf den Schultern getragen wird, mein Nachbar findet PJ Harvey sexy und ich überlege mir Worthülsen für das, was ich gerade sehe. So eine Enttäuschung und "wie lange dauert das noch?" zieht wie eine Leuchtschrift durch meinen kopf. Fortan inspiziere ich mein Umfeld und überlege mir, was ich auf eine Frage wie "Na, wie fandest du das?" antworten könnte. Jeder bekommt das Publikum dass er verdient und so hüpft ein schweißnasser kleiner Flummi mit ständig in die Höhe gerissenen Armen um uns herum und versteht jedes Lächeln als Ansporn, was sich gerade bei mir in Fäusteballen und bei-nächster-Gelegenheit-drehe-ich-durch-Stimmung auswirkt. Ruhig bleiben. Dazu noch diese Musik. "Na, wie war's?" höre ich es endlich und so, als ob man zum ersten Mal etwas ganz tolles gemacht hätte wie einen Saunagang, den Bungee-Jumping oder Ponyreiten. Etwas diplomatischer als eben fällt mir die Arbeitsstelle meiner Frau ein, die in einem Krankenhaus für psychisch gestörte Menschen arbeitet und sage: "Auf mich wirkt sie wie eine völlig verstörte Göre, die sich mit ihrer Musik selbst therapiert und gleichzeitig der beste Patient ist". "Nicht gut?". "Nein, auch scheiße.", bricht es aus mir heraus "Langweilig, ich habe nichts von der Musik verstanden" versuche ich einzulenken und zu differenzieren, es könnte ja auch an mir gelegen haben, aber zu spät, die nächste Grundsatzdiskussion war schon in vollem Gange. Aber die Klamotten, die passten zur Musik von Paula Johannes Harvey.

The Hives
Die gehen voll ab. Muss man gesehen haben. Auch mit Aussage. Ja, und mit Anzügen. Jajaja, so was hörte ich alles im Vorfeld. Ich saß, noch geschwächt von geistiger Anstrengung auf der Tribüne und hörte den Hives zu. Hier wurde soeben der Rock'n Roll beerdigt. Gute Nacht.

The Cure
Zwanzig Minuten. Zwanzig unendlich lange Minuten habe ich zugehört, dann musste ich gehen. Robert Smith klang an diesem Abend noch gelangweilter als sonst. Ich hatte den Eindruck, kleine Stromstöße müssten ihn zum Öffnen des Mundes bewegen. Zwanzig Minuten des neuen Albums, das sicherlich nicht uninteressant ist, aber mich einfach im falschen Moment erwischt hat. Auf dem Weg zum Zelt weitere fünfzehn Minuten geflissentlicher Langeweile, aber langsam blendete sich die Musik aus. Später, im Zelt gab es dann doch noch den einen oder andere Hit und beim nächsten Frühstück hörte ich, sie hätten sogar "Boys Don't Cry" gespielt. Dann war ja alles wieder gut.

McLusky
Der nächste Mittag. Gut ausgeruht lässt man sich erst mal den Staub aus dem Gesicht blasen. Eine einfache Rockformel mitten ins Gesicht. Was will man mehr vor dem letzten Bier?

The Bones
Hatten es ebenfalls eilig, klangen aber im Vergleich zu McLusky um einiges fitter und gewaltbereiter. Ein weiterer Aufputscher.

Die Happy
Hallo Leute, seht euch das Wetter an. Ihr seid die besten. "Können wir mal alle etwas tolles zusammen machen?" Solche Sätze kommen aus den Lautsprechern und würdevoll verfinsterte sich in dem Moment die Sonne, als wolle sie die Augen ob soviel Geschwafels gnädig verschließen. Und ich die Ohren übrigens, aber es ging nicht, sie klappten immer wieder auf und ich regelmäßig zusammen, wie der sogenannten Spaten. Es gibt nur wenige Bands, die man an ihrem Nerv-Charakter erkennt. Die Happy gehören auf jeden Fall dazu. Kurz vor der Sportreportage versauen sie einem den Nachmittag und dem Wirt das Geschäft. Dafür gibt es aber Anfass-Spiele und Mitsing-Teile. Jaaaahahaha, jeder ist ein Star und hat das Recht zu singen. "Aaaahhh oooohhhh uhhhh" ist eine Riesennummer, vor allem, wenn sie cresendo intoniert werden soll. Als ob man nicht sonst auch einfach nur Ostkurvengegröhle vernimmt. Danke und tschüß, wir rufen dann an.

Gentleman & The Far East Band
Drei Sängerinnen, ein Saxofonist, zwei Gitarristen, ein Bassist und ein Schlagzeuger. Dazu ein Sänger mit einer Stimme, die mich dazu verleitet, mich permanent zu räuspern. Es dauert ca. zwei Minuten und der ganze Festplatz reißt die Arme hoch und wiegt sie hin und her. Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Sänger nur ein bisschen gesungen und seinen freien Arm (in dem anderen hält er das Mikrofon) etwas geschwenkt. Ich kenne diese Band nicht, aber in der nächsten Stunde gibt es wunderbare Reggea-Musik, die dann auch mal perfekt sein darf. Gestützt auf Bass und Schlagzeug groovte es, wippte es und sang es, dass es eine Freude war. Kunststücke werden im Publikum geübt und ein alter Haudegen steht zum Schluss endlich auf den Schulter seines Bekannten. Szenenapplaus. Den hat auch die Band verdient, die einen warmen Farbtupfer präsentierten. Passend zum Auftritt schien dann auch wieder die Sonne!

Dropkick Murpheys
Wir kamen etwas unpünktlich, aber haben nichts verpasst. Asskick-Rock in schwindelerregendem Tempo. Diese Band aus Massachussettes war der perfekte Gegenpol zur Reggeamusik und ich dachte sofort an "Pogues go Punk!". Mit traditionell irischen Melodien durchsetzt gaben die Murpheys Vollgas. Gerade dachte ich an den armen Schlagzeuger und seine Kondition, als es plötzlich besinnlicher zur Sache ging. Der gut deutsch sprechende Sänger begann "The Wild Rover", bei uns besser bekannt unter "An der Nordseeküste". Das Publikum, 'the Mosh-Pit' nahm es dankbar an und sang laut mit. That's entertainment. Dann wechselte das Programm häufig zwischen irischer Schnellfolklore und beißendem Gedresche mit ungehörig viel Melodie, Flöte und Dudelsack. Wer es interessant auf die Ohren braucht, sollte sie nicht verpassen. Großartig!!! Zum Ende gibt es noch "Babara O'Reilly" von den Who. Spectaculum!

Beatsteaks
"Hallo, wir sind die Beatsteaks aus Berlin!" - "Hallo, ich bin KL aus dem RS-Forum!". In Gedanken blaffte ich noch ein "Blödmann" hinterher. Aber es ist ja schicker aus Berlin zu kommen, als aus Wenigerode. Selbst Großenkneten und Tötensen sind interessanter, aber niemand kommt an Berlin vorbei und deshalb muss man es noch mal sagen. Was dann folgt geht an mir vorbei. Für mich belangloses Gedresche aus Berlin mit "So Lonely" als Cover-Version, die es überflüssiger nicht geben sollte. Mir fällt noch mal ein Satz ein: "Ich soll dir Grüße bestellen, von jemand aus Berlin..."

Ein wunderbares entspanntes Festival, überraschend trocken und mit tollen Bands war es.

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