Die Brüste von Stavanger

Oha, wer kennt schon jenen kleinen Ort in Norwegen, bekannt als Öl-, Fischerei- und Industriestandort in Süd-Norwegen? Dort gibt es unter anderem ein Konservenmuseum. Viking Stavanger? Dunkle Europapokalerinnerungen mit schlechtem Ton (über Telefonleitungen, die durch die Ostsee verlegt waren) und schlechten Bildern kommen mir in den Sinn. In den Stadien waren 500 oder zehntausend Besucher, vielleicht die oberen Zehntausend, die nachmittags um vier Uhr Feierabend machen können, um sich ein Fußballspiel anzusehen, denn darum ging es früher immer. Wären die Bilder damals besser gewesen, hätte man die Wikingerhelme der Spieler und Besucher sehen können.
Wenn ich also heute mal in kleiner Runde gebeten werde etwas zur Unterhaltung beizutragen und nicht nur so komisch grinsend rumzusitzen („Du sitzt immer nur rum!“), während alle anderen sich prächtig unterhalten („Ich war letztens auf Malle. Da ist es ja zu jeder Jahreszeit schön.“ – „Ach. Haben die keine Gezeiten?“), erzähle ich gern von ehemaligen Fußballübertragungen, die sich durch eine gewisse Exotik im Städtenamen auszeichnen. Eine Zeitlang habe ich noch Dnepr Dnepropetrowsk erwähnt, merkte aber schnell, dass dieser Name schnell jedes Thema ins politische Nirwana driften ließ. Außerdem sind skandinavischen Namen immer mit etwas Elfengleichem behaftet. Oder mit etwas Elchengleichem? So geht man mit dem Finger auf der Landkarte von Südnorwegen nach links oben und trifft auf Reykjavik. Wenn ich mal wieder etwas Neues über Island erfahren möchte, lenke ich die Hörer dorthin, um schließlich und endlich dem Brabbeltum der Eingeweihten zu lauschen. Inhalt ist nichts, Taktik ist alles. Deshalb haben Brüste auch rein gar nichts mit Stavanger zu tun, aber es klingt schön und Schönheit ist ja neben Geld und Gesundheit das Wichtigste. Man kann nicht alles haben.

Die Unwucht der Worte

Manchmal stelle ich mir das Leben so vor, als liefe ich in einem Hamsterlaufrad für Menschen. Immer geradeaus ohne Aussicht auf ein Ankommen. Die Phantasie zieht jetzt die Blende auf die Totale und aus dem Hamsterlaufrad wird ein Rhönrad. Ein Sportgerät, das ich neben Einrädern und Keulen als etwas Exotisches einordnen würde, ohne dem gewissen Esprit, der Exotischem normalerweise anhaftet. Selbst wenn an einem Rhönrad Kiwis, Papayas, Ananas und Maracujas (nicht zu verwechseln mit Macarenas) und Nektarinen baumeln würden, es würde nicht exotischer. Und sollte ich beim Antreiben des Rades ein Röckchen aus Bananen tragen, es würde nicht erotischer werden.
Wie komme ich jetzt vom Bananenröckchen zum Problem des Schimmelentfernens in Duschen? Indem ich einfach einen Absatz mache, auf selbigen und vor der eigenen Haustür kehre und mit etwas Neuem beginne. Nun soll der Schimmelbefall in Feuchträumen nur eine Metapher sein. Man kann dem unerwünschten Befall entweder mit chemischen Schimmelentfernern beikommen, was eine gewisse Kenntnis über Art und Wirkung voraussetzt und das Problem an der Wurzel packt oder man bedient sich der Oberflächenbehandlung und spritzt einfach weißes Silikon über die Fugen. Sauber ist es hinterher in beiden Fällen. So verhält es sich auch bei der Informationsflut (bei den stetig wachsenden Ausmaßen darf man jetzt auch mal das Wort Informationstsunami verwenden, ohne großartig erklären zu müssen, was das sein soll). Jeder schreibt auf seine Art und so leben in Internetforen Provokateure neben Poesisten, Amateuer-Journalisten neben Behelfs-Romanautoren. Gelernt haben sie es alle, das Schreiben. Lesen und Rechnen übrigens auch. Doch inwieweit jemand mit einem Background etwas schreibt oder einfach aus dem Bauch heraus etwas rumposaunt ist im Ergebnis egal. Es zählt das geschriebene Wort. Inhalt ist nichts, Taktik ist alles. Gerade der Provokateur schafft es, Keile in die Menschenmenge zu treiben und alles zu spalten, weil er einerseits provoziert und andererseits das auf eine sehr dümmliche Art und Weise tut, die dem Spritzen mit Silikon auf Wannenfugen schon sehr nahe kommt. Er übertüncht seinen eigenen Schimmelbefall mit einer ihm eigenen Hohlraumversiegelung. Nicht schlimm genug, sich dieses Geschreibsel durchzulesen, gibt es Hörige, die an den Lippen, bzw. Buchstaben, ergo Tasten dieses Auskenners hängen und auch den größten Quark noch gutheißen, weil „man da selber ja nicht drauf kommt“. Soll das Grund genug sein, jemanden gut zu finden? Weil man da nicht von selbst drauf kommt? Demnach wäre der Umkehrschluss, dass ich nichts gut finde, weil ich durch Nachdenken von selbst drauf komme. Zurück zu den Amateuren der Dichtkunst. Ganz besonders schrecklich habe ich einen Poetry-Slam-Abend in Erinnerung, wo junge Menschen, jünger als ich, Worte schwer wie Brokat-Vorhänge und lieblicher Rotwein nach dem Besuch von VHS-Kursen „Schreiben so gut wie Kochen“ zusammen geklatscht haben, um sie als Gedicht vorzutragen. Nein, es war kein Gedicht, sondern unerträglich, wie lieblos Sprache verschandelt wurde, nur um sie wichtig zu machen. Alles Leichte, was Worte sein können, wird komprimiert, verflüssigt und in Silikontuben gepresst, die später an die Oberflächenveredler im Baumarkt für Notliteraten verkauft werden, um ihrer Nichtaussage noch den nötigen inhaltlichen Feinschliff zu geben. Aber es werden ja auch gern Erotik und Pornographie verwechselt.

Dürfen Pferde heiraten?

Unter diesem Titel werden Prinz Charles und Camilla auf einem Cover des Satire-Magazins Titanic abgebildet. Allerdings ist es nur ein Entwurf und wird nicht veröffentlicht. Dennoch. Wer English Green hört, denkt vielleicht an einen tiefgrün farbigen Jaguar, der einen kariert behosten großohrigen alten Mann beinhaltet. Vielleicht. Vielleicht denkt man aber auch daran, dass viele Staatsoberhäupter und auch einige Unterhäupter und auch einige Intendanten von Staatsopern (so genannte Staatsoperhäupter) in langen Nächten darüber wachten, wie sie es Charles, der nie Charly war, und Camilla, die nie eine Kindheit zu haben schien, beibringen, den Hochzeitstermin abzusagen. Ein Empfang hier, eine unaufschiebbare Eröffnung dort, der Tod eines nahen Bekannten oder Verwandten oder gar der eigene Tod (Fürst Rainier könnte ein Lied von ungezogenen Kindern singen) werden Charles und Camilla unter Bedauern, an der „größten Sause seit Lady Di’s Beerdigung“ nicht teilnehmen zu können, mitgeteilt.

Und nun das. Die Hochzeit wird um einen Tag verschoben, um dem Papst die letzte Ehre zu erweisen. Das gehört sich so für demokratische Führungskräfte. Man bekommt den Eindruck, die Welt stehe am kommenden Freitag still, denn alle haben Zeit und Gelegenheit die vielen Wege nach Rom zu beschreiten. Nur Charles und Camilla sitzen dann, die Mundwinkel nach unten gezogen, Hand in Hand, Kopf an Kopf auf dem mit tiefgrünem Velourstoff bezogenen Verlobungssofa und granteln. Zweifel am eigenen Tun sind im Königshaus nicht vorgesehen. Nun kollidiert der neue Hochzeitstermin mit drei anderen Hochzeiten auf Schloss Windsor, weshalb der Königssohn sich hinten anstellen muss. Eine Bewegung, die bei Königs ebenfalls nicht stattfindet.

Um also sicher zu gehen, auch auf die nächste Einladung eine wasserdichte Absage schicken zu können, sollte man nicht auf den eigenen vollen Terminkalender setzen, denn man weiß ja nie, wer den nächsten Termin verdient hat. In England ist die Hochzeit mindestens mit der Beerdigung des Papstes gleichrangig. Charles Mutter ist da rigoros und kommt einfach nicht. „Die Ohren sollte man dem Bengel lang ziehen!“ wird sie in den Konferenzsaal zum Fünf-Uhr-Tee geseufzt haben, um dann einen Bediensteten herbei zu ordern, diesem Wunsch nachzukommen.

Welche Unpässlichkeiten wären denn glaubhaft? Man könnte sagen, dass es so schwierig ist, gutes Personal zu bekommen und die Sekretärin die Einladung verschlampt hat. Oder das zuckersüße Gerede bekäme einem als Diabetiker überhaupt nicht. „Die Kirchen sind heutzutage so kalt“. Es soll wohl Entschuldigungs-Ghostwriter geben, die ein Füllhorn terminunabhängiger Ausreden parat haben. Und wenn nicht? Dann freut sich die Welt wie einst bei der ersten Hochzeit von Charles und irgendein Sir Popstar wird dazu singen, mit Anstand und hoffentlich mit Kloß im Hals.

Pferde dürfen meines Wissens nicht heiraten. Schon gar nicht, wenn sie den früheren Ehepartner mit Sulky vor eine Begrenzung getrieben haben. Woher ich das alles weiß? Beim Friseur gelesen oder beim Zahnarzt. Das weiß ich nicht mehr so genau.

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