Wir bauen für sie

Das größte Glück ist für die einen, dass ihnen jemand etwas abnimmt und für die anderen, die Jemands also, sich einzumischen und abnehmen zu können. Dazu gibt es Abnahmen und Diäten, sowie wohltätige Institutionen, die jeder aus der Fußgängerzone kennt, wenn in liebevoll lieblos zusammen gezimmerten Ständen aus Holzbohlen aus dem Eine-Welt-Laden herzensgute Freiwillige sich für den guten Zweck an kalten Herbst- oder Frühlingstagen die Beine in den Bauch stehen oder sich eben deshalb bewegen, um es zu verhindern und wahllos gezielt vorbeihastende Menschen ansprechen, die zwar Zeit hätten, diese aber bestimmt nicht für die eigene Aufklärung von Umwelt-, Welt- oder Religionskonflikten verplempern wollen. Immerhin gibt es noch Luftballons und Konfetti und für die Kleinen.
Nun gibt es in Deutschland aber auch wirklich nette Menschen, die es darauf abgesehen haben, meine ohnehin eher neutrale Laune geringfügig zu erheitern, um sie dann ins Bodenlose absinken zu lassen. Meister auf diesem Gebiet sind oft keine Menschen, sondern Hinweistafeln oder Schilder. Immer wieder gern lese ich eine Aufforderung wie „Zugreifen“. Die Technik ist mittlerweile ausgereift und -gereizt und sicherlich wird es auch eines Tages Zugreifen geben. Warum auch nicht? Aber bis jetzt habe ich noch nie von Zugreifen gehört und verstehe auch nicht, warum die jetzt so angeblich günstig in der Innenstadt verkauft werden.
Neuerdings stolpere ich über Schilder wie „Wir bauen für Sie!“ Ach, das ist ja nett. Darf ich mir dann bitte auch noch den Bauplatz aussuchen oder muss ich schon nehmen, was Sie mir nicht bieten können? Eine rein rhetorische Frage, denn ehrlich gesagt hing dieses Schild im Fenster eines Ladenlokals und wollte darauf hinweisen, dass das Geschäft bis auf weiteres wohl geschlossen bleibt, bis sämtliche Handwerksarbeiten zur vollsten Zufriedenheit des Bauherrn abgeschlossen sind. Bei näherer Betrachtung konnte ich nicht mal einen Namen entdecken, der sich hinter dem Mysterium „Wir bauen für Sie“ verbirgt. Ein Ü-Ei ohne Ü sozusagen. Nun muss ich also bis zum Sanktnimmerleinstag warten, um herauszufinden, welcher nette Ladenlokalpächter hier für mich gebaut hat. Wenn es nun ein CD-Laden ist, dann tut er gut daran, immer aktuell dass zu haben, was ich gerade gern höre, egal aus welcher Zeit. Dann hat er für mich gebaut und kann selbiges auf mich. Ist es aber ein Damenfriseur, dann wird er mich mal können. Dann hat er lediglich für meinen Geldbeutel gebaut, meint damit aber keine Spardose.
Hier baut die Bundesrepublik Deutschland für Sie“ Neue Zeile: „Erneuerung der Fahrbahndecke“ oder auch „Anschlussteilstück der Osttangente zum AB-Zubringer 389 Süd und Erneuerung der Fahrbahndecke“ oder so ähnlich. Schilder so groß wie Fußballfelder, auf denen ebenso gut stehen könnte: „Hier sehen Sie Ihre Steuergelder weniger verschwenderisch eingesetzt als anderswo.“ Nach fünf Kilometern Stau in der Baustelle kommt dann ein Schild mit der Aufschrift: „Vielen Dank für Ihr Verständnis“. Sollte ich jemals Verständnis für eine Autobahnbaustelle bzw. dem Stau darin entwickeln können, hätte ich es nach fünf Kilometern strammen Stehens mit Sicherheit schon wieder verloren oder vergessen, wofür ich es haben sollte. „Hier baut der Ortskirchenverband für Sie einen Kindergarten“, „Gewerbegebiet Am Baukran. Hier entstehen fünfzig Lagerhallen mit jeweils 400 Ha Grundfläche“ oder auch „Der Führer baut den Klonen eine Stadt“.
Selbst mein Online-Banking-Apparat oder der Geldnotenausgabedingens fragen mich: „Was kann Ihr Konto heute für Sie tun? Sprechen Sie mit uns!“ Nach kurzer Überlegung komme ich zu dem Schluss, dass mein Konto mehr Geld für mich bereitstellen könnte. Also gehe ich ganz dicht an den Bildschirm am Geldautomat und hauche ein erotisches „Hallo“ auf die Schutzscheibe, die daraufhin beschlägt. Nichts bewegt sich. Vielleicht war ich zu leise. Der Kunde hinter mir räuspert sich und ich gehe.

Jamba-Leier

Wer sehr alt ist, hat bestimmt noch das Fahrgeschäft Jambalaya vor Augen. Eine rotierende Grundplatte mit 8 in sich drehenden Inseln, an denen jeweils 4 x 2 Plätze zur Fahrgastbeförderung auf Jahrmärkten befestigt sind. Dieses Ka Russell gibt es schon lange nicht mehr unter diesem Namen, eignet sich aber wenigstens noch für ein Wortspiel, womit ich dann endlich beim Thema bin.
Nun wird es in absehbarer Zeit eine Klingelton-Hitparade in Deutschland geben, die Briten haben schon seit letztem Jahr eine. Wenn das Johann Philipp Reis noch erleben könnte. Nun wird also das Geräusch des Angerufenwerdens wichtiger als der Inhalt der Nachricht. Diese Erkenntnis ist mir allerdings schon länger bekannt. Deutschland quatscht und faselt ohne Unterlass. Erst neulich wurde ich unfreiwillig Zeuge eines Gesprächs mit privatem Inhalt. Nein, es interessierte mich nicht, dass der junge Mann der draußen vor der Tür bei Kälte telefonierte gerade praktisch ungebunden dreißig Jahre alt geworden ist und sämtliche Möglichkeiten hat. Irgendwie spielte auch eine Frau eine Rolle, aber ich musste weiter. Ich befand mich in einem Marketplace, umrandet mit Multimedia-Geschäften, Telefonläden und einem Elektrodiscounter. Das ganze war angefüllt mit telefonierenden quasselnden Menschen und quengelnden Telefonen. „Ruf an!!!“ Es dudelte wie auf einem Jahrmarkt den Musikmix der Grausamkeiten. Da geht es hin, das schwer erbettelte Taschengeld, an Menschen, die einen Kunstmarkt erschaffen haben. MEF, eine weltweite Vereinigung von Musik-, Internet- und Telekommunikationsunternehmen sowie anderen Firmen, die auf dem Sektor mobiles Entertainment tätig sind, sagt dazu folgendes: Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland Klingeltöne im Wert von 239,8 Millionen Dollar (183 Millionen Euro) verkauft. Mit einem Anteil von 17 Prozent am gesamten europäischen Klingeltonmarkt sei Deutschland auf diesem Sektor führend.
Jamba ist ungefähr so plastisch wie damals diese Lutschmasse, die es ausschließlich in Muschelform gab. Auch hier: Die Älteren wissen was ich meine. Ach ja, die Hitparade. War der Schnellsprecher Heck damals noch ein Fernsehhighlight und die Hitparade besucht von echten Menschen, so wird die Klingeltonhitparade dominiert von Künstlern wie animierten Schildkröten, Nilpferden und anderen zurecht in der Musikbranche vernachlässigten Tieren, zu denen auch Krokodile zählen dürfen. Aber, und das ist die deutsche Eigenart, wird zunächst eine TOP 20 mit monophonen und polyphonen Klingeltönen, sowie „True Tones“ entstehen, die später nach Sparten getrennt geteilt werden soll, damit es auch aussagekräftig wird.
Nun stellt sich die Frage, warum ein Telefon nicht normal klingeln kann. Das Handy eines Kollegen benutzt schon seit Jahren das MIB-Thema monophon und es vergeht kein Tag, an dem es nicht klingelt und jedes Mal hört es sich so frisch an wie ein neuer Morgen. Dass es in mir jedes Mal etwas auslöst, wenn ich es höre, spielt in Anbetracht dieser Konstanz keine Rolle, außerdem ist es geschäftlich. Als konservativer Telefonbenutzer überlege ich mir gerade, ob ich Jemandem mit einem Anruf mal eine Freude machen soll. Ich rufe eine Handynummer an und lass es so lange Klingeln wie der Angerufene nicht abnimmt. Normalerweise lege ich nämlich nach dem dritten Klingelsignalton auf, um den Mailbox- oder noch schlimmer Anrufbeantwortertexten zu entgehen.

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