Frö-öh-liche Weihnacht

Also doch noch mal. Lange habe ich mich vor diesem Thema gedrückt, wollte es nicht schon wieder anbringen, aber manchmal sind die Facetten derart reich gestreut, das Weihnachten ruhig mal wieder einen Aufguss vertragen könnte. Besser wird es nie mehr.
Während kinderlose Paare, demnächst also die besseren Steuerzahler, über die Feiertage wegfliegen und unter tragischen Umständen dem Fiskus steuerlich doch noch entfliehen könnten, sitzen Familienväter und –mütter zusammen mit den Kindern unterm Weihnachtsbaum. Das klingt harmonisch, ist es aber nicht. Denn erstens können wir nicht unter dem Baum sitzen, da er genau wie wir auf gleicher Höhe steht, geografisch betrachtet. Säßen wir unter unserem Baum, würden die Nachbarn unter uns vermutlich ein dummes Gesicht machen, kämen aber in den Genuss, auch zu den Unter-KLs-Baum-Sitzern zu gehören. Geografisch betrachtet. Zweitens, um es nicht zu vergessen, passen nicht mal mehr alle Geschenke unter den Baum. Pferde, neue Autos, ein Wohnzimmerschrank nebst ganzem Haus und inkl. Neuer Küche – bei Neureichs fehlt es wirklich an Platz und – viel schlimmer – es fehlt an Geschenkpapier. Also deckten wir das Puppenhaus mit einer viel zu kleinen Weihnachtsdecke ab und hatten die mittlerweile bekannte schlaue Logik unseres Sohnes nicht im Kalkül, der ins Wohnzimmer trat und sagte: „Der Weihnachtsmann hat genau die gleiche Decke, die bei uns in der Küche auf dem Tisch liegt!“ – „?“ bei mir, „!“ bei meiner Frau, die blitzartig eben diese Decke nimmt und schnell und heimlich wieder an den ursprünglichen Platz in der Küche bringt. Das war knapp.
Dieser Übergang ist übrigens nicht konstruiert, bietet sich aber derart an, dass es eine Freude ist und nun sage ich auch warum. Weil Weihnachten am Wochenende viel zu knapp ist, um adäquate Verwandtenbesuche zu erledigen, respektive zu bekommen. Dazwischen baut der Vater aufwendig zerlegte Spielzeuge aus Kunststoff zusammen (die alte Vater-Mutter-Rollenverteilung ist offensichtlich genetisch bedingt, denn zunächst höre ich ein euphorisches „Ich helfe dir schnell!“, doch spätestens nach geduldigen 15 Minuten revidiert ein „Mach du das mal, du kannst das viel besser als ich“). Was unterm Baum gilt, zählt am Herd nicht. Wenn ich Kartoffeln schnitze und nach einer halben Stunde und drei geschälten Kartoffeln, oder dem was überbleibt, wenn man nicht Michel aus Lönneberga ist dem Nervenzusammenbruch nahe flehe: „Mach du das mal, du kannst das viel besser als ich!“, dann höre ich ein „Was hat deine Mutter dir bloß beigebracht?“. Weihnachten ist eben die beste Zeit zur Besinnung zu kommen. Dafür muss man sie aber erstmal verlieren, was mir aber regelmäßig jedes Jahr gelingt. Mit oder ohne Weihnachtsbier. Der Baum steht nie gerade.

Respekt darf nicht vereinnahmen

Zu jeder Gelegenheit gibt es vermutlich passende Musik. Neulich in diesem Jahr hörte ich von einem Musiker, der Songs für Tiere aufgenommen hat, um sie zu beruhigen. Naja, seitdem Hunde- oder Katzenfutter mit Petersilie dekoriert wird, sind dem Schwachsinn ja alle Türen geöffnet. Ein musikalisch beruhigter Hase wird Weihnachten vermutlich ebenso schmecken, wie ein nervöser Langohrvertreter.

Zur körperlichen Bestandsaufnahme zwischen den Feiertagen bringt jeder Mitarbeiter mit etwas Geschmack oder eben gar keinem Geschmack, was aufs selbe hinausläuft ein paar CDs mit. Den Anfang machte ein Dreier-Boxset vom Mediamarkt für 12,99€ mit Rock-Klassikern. Auf diesen CDs werden auch alle bedient. Diejenigen, die „Smoke On The Water“ noch immer gern hören und ihre Meinung durch Mitsingen kundtun. Dann auch Musikästheten, die auf diesen Samplern gern mit erwachsener Musik abgefrühstückt werden. Und dann gibt es noch die Füller, die kein Mensch kennt, nie gehört hat von Bands, deren Namen niemand kennt und mit Liedern, die derart langweilen, dass man froh ist, wenn sie vorbei sind. Der Quotenmist scheint vorprogrammiert. Allerdings haben diese Songs eins gemeinsam: Niemand wagt zuzugeben, diese Songs nicht zu kennen. Spannend war das dieser Tage. Als ich an die Reihe kam, entschied ich mich für meine selbst gebrannte Doppel-CD „Tagessongs 6“. Schmerzfrei aber heiter wird hier musiziert. Hätte ich nur ansatzweise geahnt, in welche Bredoullie mich mein eigener Geschmack bringt, wäre diese CD niemals in den CD-Player gekommen. So aber lief sie und bei Patti Scialfa fragte mein Chef: „Ist die ganze CD so?“ – „Naja, nicht ganz, aber größtenteils schon.“ – „Brenn mir die mal.“
Nun würde manch einer vermuten, mein Chef und ich hätten ein inniges Verhältnis, hierarchisch auf einer Ebene und es wäre nie anders gewesen. Falsch geraten. Es ist ein ganz normales Chef-Angestellten-Verhältnis, was sich allein darin begründet, dass mein Chef mir gegenüber natürlich weisungsbefugt ist, während ich ihm im Gegenzug maximal Hinweise oder Tipps geben kann. Und plötzlich stellt er alles auf den Kopf und duzt mich. Ich bringe den nötigen Respekt mit, um mit einem vertrauten „Sie“ umgehen zu können und für diese Art bin ich auch sehr dankbar und ich verbitte mir, dieses respektvolle Verhältnis einfach mit einem geduzten Auftrag zu zerstören. So viel dazu. Was aber ist mit der Musik?
Während ich also die Zähler und Schreiber überwachte und kontrollierte, ob sie auch alle meine Musik mögen, während sie ihre Zähllisten ausfüllen, dachte ich darüber nach, wie ich aus der Nummer wieder herauskomme, denn wer demnächst zu Andrea Berg geht, hat die Musik meines Samplers nicht verdient. Ich werde es einfach vergessen und sollte er mich fragen antworte ich: „Da sagste auch was.“

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