Call On Me

Vor vielen vielen Jahren war es eine Freude und ein ungeschriebenes Gesetz, der derzeitig Liebsten wenigstens einen Song vorzuspielen, der ihren Namen enthielt. Dazu selektierte man auf zwei Arten. Zunächst suchte man sich eine Liebste deren Vornamen man kannte und sicher wusste, dass es einen Song darüber gibt. Der richtige Vorname war oft mehr wert, als der Charakter. Anfangs jedenfalls. Allerdings war bei der Songauswahl auch stets auf weitere Inhalte zu achten, denn „Lucille“ von Michael Holm schied aus (was glücklicherweise leicht war, denn niemand in unserer Gegend hieß Lucille, nicht mal ganz alte Menschen), ebenso „Sabine Sabine Sabine“ von Trio. Hier wunderte ich mich jedes Mal, dass jemand, der aussieht wie Stefan Remmler eine Liebste wie die Sabine, die ich damals vor Augen hatte, überhaupt kannte. Sie war nämlich gemeinhin als wählerisch bekannt. Da halfen nicht mal Schuhkartons voller Tapes. Muss einem nur mal gesagt werden.
Irgendwann wurde es ein Sport, Songs mit seltenen Vornamen zu suchen und danach die entsprechende Partnerin. Als ein Freund dann mal sagte: „Nimm doch mal Honky-Tonk-Woman“, verlor ich den Spaß an der Sache und außerdem wurden wir älter und andere Aspekte wichtiger.
Als ich neulich allerdings im Musikfernsehen versank, kam die Erinnerung an die Jugendzeit zurück. Leider kam sie mit einem äußerst üblen Beigeschmack zurück. Ungefähr so, wie es riecht, wenn ein Versicherungsvertreter lange nichts gegessen hat und einen aus terminlichen Gründen erst abends besucht. Ich sah so etwas ähnliches wie Sydne Rome, nur knapper geschnitten bekleidet und es war auch mehr erotic, statt aerobic. Dazu lief in ohrenbetäubender Frequenz (ja, ich hatte die Lautstärke beim Fernseher auf normal hörende Menschen, also nicht Kinder und nicht Rentner, eingestellt) ein Lied, dessen Melodie ich kannte und auch den Text mit meinem inneren Songbuch abglich, sozusagen scannte und fündig wurde. Allerdings fehlte da eine Zeile. Während dieses Vorgangs wurde die Gesangsstimme immer penetranter und als ich das Scanergebnis mit der momentanen Berieselung verglich verlor ich das Bewusstsein. Manchmal funktioniert ein körperlicher Gnadengesuch tadellos.
Als ich wieder erwachte, bzw. mir meiner selbst wieder bewusst wurde, kramte ich nach dem Original, also dem kompletten Song von Steve Winwood. „Valerie“. An sich auch nur ein hübscher unaufregender Popsong für viele Hörer, der zu recht immer mal wieder im Radio zu unrecht zu vorwiegend nächtlichen Tageszeiten läuft. Dafür läuft „Call On Me“ in Dauerrotation.
Eine ganz junge Bekannte (uns trennen immerhin achtzehn Jahre, und da ist sie natürlich ganz jung, denn ich bin noch nicht so alt, bzw. fühle mich noch jung) kennt das Original gar nicht und sieht mich blöd an, so wie man eben guckt, wenn ein alter Sack plötzlich anfängt ganz hoch zu singen und einen schwärmerischen Gesichtsausdruck auflegt. Ich frage mich aber bei jeder Cover-Version, bzw. jedem Sampling-Versuch alter und berechtigter Hits, ob es die Unwissenheit der Musik-Mixer ist, die den Respekt vor völliger Verunglimpfung eines Songs verdrängt. Kopfschüttelnd frage ich mich allerdings auch, was das für Menschen sind, die so etwas so oft kaufen, um es an die Spitze der Verkaufscharts zu hieven. Selbst wenn man Ausreißer in einer Musiksammlung braucht, um die Qualität der Sammlung zu betonen, darf es solche Geschmacksverirrungen eigentlich nicht geben, sonst passiert dem Musikkonsum das, was PISA für die Bildung bedeutet.
Bei so einem Programm bin ich natürlich für die Quote.

Vergleichen Sie selbst

Es liegt offenbar in der Natur des Menschen alles zu bewerten und vergleichbar zu machen. Weshalb sollte man sonst Kühe, Bilder oder Türme vergleichen? Besonders gute Vergleicher und Bewerter findet man beim Synchronspringen vom 20-Meter-Turm des örtlichen Hallen- und Freibads.
Wer einmal morgens um sieben an einer Wursttheke steht, weil er schnell, der menschlichen Regung folgend, seinen Hunger stillen möchte, hört zwischen Mortadella und Eisbein den beiden Rentnerinnen zu, deren Männer im Krieg geblieben sind (wobei es egal ist, ob im Feld oder wieder zuhause – Scheidung war nie ein Thema), wie sie ihre Zipperlein vergleichen. Regelrecht angegeben wird mit Rheuma und kaputten Knien, mit Tennisarm (die jüngeren Alten) und Wasser in den Beinen (die älteren Alten). Unterschwellig ist es natürlich das Angeben von Macht und Reichtum, bzw. Eigenheim und gesicherter Witwenrente und getrotzter Praxisgebühr. Nun würden heutzutage ältere Menschen ihre Zipperlein nicht in Punkten oder Sternen vergleichen oder eine Liste über die beliebtesten Arbeitsunfähigkeitskrankheiten aufstellen, aber die Zukunft wird genau mit diesem Phänomen konfrontiert. Dann hört man an der Wursttheke z.B. „Boah glaubse, ich muss gleich mit meiner 2-Sterne-Bronchitis zu meinem 3-Sterne-Hausarzt. Der schickt mich dann wieder zu meinem 4-Sterne-Lungenfacharzt, der dann eine dieser 3,5-Sterne-Röntgenbilder macht. Die Rechte bleiben bei mir. Mit der Durchlichteinheit meines Scanners mache ich davon ein JPG und lade es auf meine 5-Sterne-Homepage.“

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