Von Meeressäugern und ihren Gesängen

Wenn es nichts zu wählen gibt, hilft die Jury des Deutschen Sprachrats und kürt ein Wort zum schönsten Wort der Deutschen. Habseligkeiten soll es heißen, auch, aber nicht nur, wegen dem freundlich mitleidigen Unterton. Habseligkeiten haben Obdachlose oder Kinder, deren Eltern in Israel oder im Irak flüchtend vor Terroristen zu Waisen geschossen wurden. Mit solchen Bildern im Kopf lässt es sich ruhig schlafen und die besinnliche Zeit kommt erst noch. Die Begründung muss man sich als Sprachamateur regelrecht auf der Zunge zergehen lassen. Hier wird Doris Kalka zitiert: ...weil es den Gegensatz des menschlichen Strebens nach Besitz mit dem "unerreichbaren Ziel" der Seligkeit vereine. Nun erfindet sich Sprache ja immer wieder neu und ich finde nicht unerreichbar, als Obdachloser mit seinen Habseligkeiten in einer Fußgängerzone zu sitzen, bis man endlich stirbt und besser bekannte Fremde davon sprechen, dass Gott den Obdachlosen selig haben soll.
Überhaupt sollte jeder Intellektuelle und alle die sich dafür halten (nicht die, die andere dafür halten, bzw. diejenigen, die dafür gehalten werden), also eine Minderheit, jeden Monat oder besser, jede Woche eins diese Worte heraussuchen und küren (so könnte man ja mal das Wort Wal küren). Auf Platz zwei kam das Wort Geborgenheit. Ich sehe freilaufende Küken vor meinen Augen unter einer Wärmelampe, bis sie groß genug sind, gegenüber in die Eierlegebox zu kommen. Nestwärme. Menschen haben ja auch neben der eigenen Körperwärme eine Zentralheizung, sofern sie ein Dach über dem Kopf haben. Der Dritte Platz ging an Lieben. Das Wort ist nicht selten, denn Lilo Wanders benutzt es des öfteren mit seinen verschiedenen Bedeutungen in der Sendung „Wahre Liebe“. Wie oft sagt man gedankenlos: Lieben Gruß und ahnt nicht, das drittschönste Wort der Deutschen benutzt zu haben. Ich würde für nächstes Jahr „Deutscher Sprachrat“ vorschlagen oder in abgewandelter, aber treffenderer Form „Deutsche Sprachratlosigkeit“.
Habseligkeit ist für mich ein Wort der deutschen Geschichte, die nicht aufhören will zitiert zu werden, bis die Generationen der Geschichte sich an nichts mehr erinnern können. Dann nehmen sie ihr Bündel mit den Sprach-Habseligkeiten und dem Wortschatz mit dreißig Wörtern unter den Arm und gehen ins Sprach-Reformhaus und machen der Sprache den Garaus.

Rücktrittbremse

Neulich fuhr ich mit dem Rad zu einem großen Event in der Stadt und wollte dem Parkplatzmangel seine Grundlage entziehen, indem ich Freiräume schaffen wollte. Während der Fahrt dachte ich über verschiedene Dinge des Lebens nach und stellte fest, dass es ein Wort wie Rücktrittbremse bald nicht mehr gibt, weil es bald keine Rücktrittbremsen mehr gibt. Diese Erfahrung machte ich jedenfalls in einem kritischen Moment, doch ich rief mir das Autobahnwarnbanner „Nicht drängeln, Liebling“ der deutschen Verkehrswacht, die ich nur von den Bannern und von früher aus der Grundschule in Verbindung mit Sicherheitsdenken und flureszierenden Aufklebern kenne, das an einer Brücke zwischen Bad Oeynhausen und Hannover befestigt ist, ins Gedächtnis und rettete Rad und Reiter.
Ein paar Tage später war mal wieder, wie so oft in den letzten Jahren, jemand wegen irgendetwas oder gar wegen irgendjemand zurückgetreten. Wo solche Menschen dann für den Rest ihres Lebens aufbewahrt werden weiß ich nicht, aber ich stelle mir vor, dass es so ähnlich sein muss wie ein Regenrückhaltebecken, nur wärmer und größer. Das Mittelmeer vielleicht. Nun kann es vorkommen, dass jemand zurück tritt, den man mag. Spontan fällt mir nur Oskar Lafontaine ein und ich hätte damals etwas dafür gegeben, in diesem Fall eine Rücktrittbremse benutzen zu können. Fußballspieler treten auch schon mal nach und ruckzuck wird da zurückgetreten, bis wahlweise der Mannschaftsarzt, -kapitän oder -bus kommt. Am Ende wird der Trainer gefeuert, wenn er nicht zurück tritt, wie einst Ottmar Hitzfeld bei Borussia Dortmund, als er ausgebrannt und zermürbt den Schlüssel abgab. Auch hier hätte sich manch ein Fan eine Rücktrittbremse gewünscht, doch die gab es ja nicht.
Doch dann juckte es Herrn Hitzfeld wieder und er saß schneller wieder sicher im Sattel, als jeder gedacht hatte. Und dann noch auf dem richtigen Pferd, wenn Erfolg das Einzige und alles ist, was man braucht. Und diesem Beispiel folgen sie alle, sobald einer den Anfang macht. Es gibt aber fallweise Ausnahmen, bei denen man nicht sicher ist, welcher Rücktritt mit einer Rücktrittbremse verhindert werden soll. Vor sechs Jahren jubelten Marius Müller-Westernhagen („Fertig“) die Massen auf seiner Abschiedstournee zu. Damals ging es den Menschen noch gut und sie gingen zu Abschiedstourneen und winkten und jubelten, damit es endlich vorbei ist. Heutzutage würde der eine oder andere so eine Veranstaltung mit Recht und Verstand einfach boykottieren. Nun kommt die Initialzündung deutscher Massenrockkultur („Schweigen ist feige“) zurück auf die Bühnen, die aus den Brettern sind, die andere vorm Kopf tragen sollten. Ohne Not werden bereits ab Oktober 2004 Karten dieser Wiederausgeburt ...äh –grabung („Wieder hier“) für die ab September 2005 beginnenden Tournee verkauft. Frohe Weihnachten. Also, wie war das jetzt mit der Rücktrittbremse?

Der Chef schreibt das 1. Buch Dylan

Nun endlich erscheint mit der Biografie von Bob Dylan, in der er nichts als die Wahrheit schreibt, für manchen die Bibel. Allerdings schreibt er auch nichts, was er nicht schreiben will. Und was nicht geschrieben steht, ist öffentlich nie passiert. Die Dylanologen werden das Buch mehrfach quer lesen, aufs Kreuz nehmen, sich bestätigt fühlen oder vor neuen Zusammenhängen kapitulieren.
Wie aber hat man als Fan zu reagieren? Euphorisch, sachlich, befremdlich? Immerhin spricht ein Gottgleicher zu seinen Jüngern. Verzeihung, wenn ich an dieser Stelle etwas hüstel, aber so hat sich das Bild über Jahrzehnte eingeprägt. Nun, im Buch steht dann, dass Bob Dylan durch Veröffentlichung verdrehter Alben versucht hat, eine Anhängerschar abzuhängen. Ein durchaus interessanter Ansatz. Stellen Sie sich mal vor, eine Ikone wie Bruce Springsteen hätte nach „Born In The USA“ den Versuch unternommen, seine Fans abzuschütteln, indem er ein, für seine Verhältnisse, abschreckendes Album aufgenommen hätte. Der Erfolg wäre ihm doch gewiss gewesen. Das hat der Lastwagenfahrer dem Zimmermann um eine Nasenlänge voraus. Er schüttelt seine Fans durch Beständigkeit ab. Es gibt Bands, deren Strategie sich dahingehend mal ändern sollte.
Die Veröffentlichung zieht aber auch wieder kuriose Kreise. So plant Kiepenheuer & Witsch eine Veröffentlichung des Buches in kölsch. Geschrieben von einem, der es besser wissen kann: Wolfgang Niedecken. Er übernimmt auch gleich das Vorwort. Arbeitstitel ist „Chronisch“ und lässt nur vermuten, was da kommt.

<<< zurück

.