Konsumgeilheit

Veranstaltungen mit freiem Eintritt vermeide ich so gut es geht. Einmal im Leben sollte man jedoch bei einer Neueröffnung eines großen Geschäfts dabei sein und große Dinge werden großartig im Countdown angezählt. Dazu gehören Pokalspiele gegen Bayern München genauso wie die Eröffnung einer architektonisch selbstverwirklichten Ladenpassage.
An diesem Donnerstagmorgen fahre ich entgegen meiner Gewohnheit also stadteinwärts. Es ist der Morgen einer traurigen und einer glücklichen Tiefgarage. Jahrelang erfreute sich die jetzt traurige Tiefgarage großer Beliebtheit, doch seit der Neueröffnung will niemand mehr in ihr parken, dabei ist sie nur unwesentlich weiter vom Ort des Geschehens entfernt als die neue. Voller Mitleid parke ich in der alten Tiefgarage, um den Stau an der Neuen zunächst zeitlich und dann auch zu Fuß zu umgehen. Punkt sechs Uhr biege ich auf die Zielgerade ein, wundere mich noch über die Polizisten und stelle mich ans Ende der ca. 500 – 600 Wartenden. Morgens um sechs, mitten in der Woche - in Deutschland.
Vor mir steht ein Pärchen, Anfang zwanzig, eng umschlungen und sich frisch verliebt erfolgreich drückend, als ob sie gemeinsam den Mount Everest bestiegen hätten. Ja, so ein Event verbindet. Die mittlerweile perfekt organisierte Passantenvermietung hatte zu diesem Feiertag auch wieder groß aufgefahren und stellte zum einen Massenandrang zur Verfügung, andererseits auch Splittergruppen wie Schaufenstergucker, Im-Weg-Steher und Gaffer und Glotzer. Ich fühle mich beobachtet, was sicherlich auch an den Kamerateams liegt, die womöglich darauf warten, zerborstene Fensterscheiben und abgetrennte Gliedmaße, sowie völlig verwüstete Verkaufsstände vor die Linse zu bekommen.
Während ein Großteil der Massen noch draußen wartet, kommen die ersten Kunden bereits mit Schnäppchen in den Händen wieder zurück. „Die hatten wohl nicht alles.“ Wird die Szene kommentiert. Nach einiger Zeit besteige auch ich die Treppen des Olymps und finde mich in einem Ameisenhaufen wieder. Überall wird gezurrt und gezerrt und gesucht. Ich fahre eine Etage höher in die CD-Abteilung. Leere, Ruhe, keine Kunden in dem Gang. Aber auch keine CDs, die mich interessierten. Drake, Dylan, aber Dunger nicht – merkwürdig. Deutschrockabteilung: Lage, Lindenberg, aber Liwa nicht. In dem Moment wird mir bewusst, dass es sich offenbar nur um einen weiteren Mainstreamladen handelt, der verkaufen will, was ist egal.
Ich schnappe mir in einer anderen Abteilung mein Schnäppchen und fahre wieder herab zur Kasse an der die Menschen auch schon wieder warten. Schräg rechts hinter mir macht sich eine Alkoholfahne breit. Nach ein paar Minuten grummelt ein „Hoffentlich gibt das Konto noch so viel Geld her“ mich an. Jedenfalls fühle ich mich angesprochen. In meinem Kopf entstehen Textwellen, ganze Ozeane voller Buchstaben, die ich benutzen muss, um diese unfassbaren Szenen zu beschreiben. Ich antworte mit einem zeitgewinnenden: „Wie bitte?“ Der alkoholisierte Kunde wiederholt brav alles und ich würge erfolgreich ein Gespräch ab, um kurz darauf später von ihm gefragt zu werden, ob ich extra wegen dieser Veranstaltung aufgestanden wäre. „Nein, ich muss gleich sowieso zur Arbeit.“ antworte ich pflicht- und wahrheitsgemäß. „Ich komme gerade direkt von einer Party.“ erklärt er sich und seine Fahne und fügt hinzu: „Wahnsinn, wie viel Leute morgens um diese Zeit schon unterwegs sind.“ Ich sehe ihn an und frage: „Waren die auch alle auf der Party?“ – „Nein, so viele waren da nicht.“
Mein Vordermann hinterlässt eine Lücke, weil er jetzt jemanden im Laden sieht, den er kennt und nachdem er zehn Minuten angestanden hat seinen Platz verlässt. Ich stoße vor, zwei Meter. Immerhin. Meine Augen wandern über die so genannten Kassenartikel. Ich bin in einem Elektrofachmarkt und da verwundert es nicht, dass man hier auch Fusselbürsten bekommt, die Fussel und Knötchen entfernen. Das erinnert mich an unreine Haut und ähnliches und wundere mich jetzt auch nicht über die Nassrasierer daneben. Jetzt bin ich dran, bezahle nicht mit Karte, wie der Kunde vor mir „Funktioniert nicht? Ich habe noch andere zuhause.“ und verlasse die Show vorzeitig. Der Eingangsbereich ist vergleichsweise verwaist, vereinzelt kommen mir potentielle Kunden entgegen, Schüler rufen „Schnäppchen Schnäppchen“. Dann betrete ich die Tiefgarage, die mittlerweile wieder lächelt, denn auch sie ist jetzt gut gefüllt.

Zeig doch mal die Bilder

Das ist der letzte Schrei. Immer wieder schafft es die deutsche Ausgabe des Rolling Stone seine Leserschaft, seine Onlinebesucher, sowie den gesamten Pressewald in Aufregung zu versetzen.
Zunächst wurden alle Avatare von der Forumsseite genommen. Auf Anfrage wurde bekannt, dass es sich um eine Vorsichtsmaßnahme handelt. Tatsächlich soll auf diese Art den Usern ihr fotografisches Gedächtnis ins Bewusstsein gerufen werden. Bildung am Bürger. Nun sind alle Mitglieder gleich, einige gleicher und andere sind Moderatoren. Keine Hektik in Gifs, keine Stilleben in JPGs, nur die Kraft der Erinnerung. Hier – eine Comicfigur mit Ghettoblaster am Ohr, dort ein Rippenbekenntnis unter brauner Haut, etwas Kopflos, aber streng wirkend oder an anderer Stelle die Hausfrau in Schürze, mütterlich souverän.
In der Avatar-Sammelstelle liegen jetzt die Bildchen und warten darauf in einer einzigartigen Aktion zu einem Starschnitt zusammen gefügt zu werden. Ca. 1000 kleine Bildchen im Briefmarken-Format werden in den nächsten Heften Stück für Stück als Sammelobjekt ausgegeben. Yo-Gi –Ho für Grobmotoriker.

Jump & Run

<<< zurück

.