Der Reformhaus-Blues

Das Reformhaus Deutschland wird während des Sommerlochs dieses Jahr arg gebeutelt. Einige ziehen schon Parallelen zu den natürlichen Umweltkatastrophen. Eine schon damals unschlüssige Reform, die bereits Stunden nach ihrer Ankündigung Witze nach sich zog, wie Fischkutter Möwen oder Treibnetze, ist sicherlich die Abkehr von der Rechtschreibreform. Sprachliebhaber gehen auf die Barrakudas und Schüler sind zum ersten Mal verunsichert. Sind sie? Nein, denn die Reform hat ja nur die Struktur der Rechtschreibfehler verändert. An dem inhaltlich immer katastrophaler werdenden Sprachstil ändert es nichts.
Genug der Worte, um die sich andere Gedanken machen sollten. Eine weitaus geheimere Reform wurde neulich in Hallifax gerade noch so vom Tisch gewischt. Im Rahmen und Zuge neuer Kommunikationstechniken ging die Überlegung dahingehend, dass durch den Gebrauch sogenannter SMS viele bekannte Songs sehr antiquiert und überholt sind (vgl. BRD-DDR-Wiedervereinigungssongs VOR 1989). Als Beispiel wurde sogleich ABBA zitiert: “So when you're near me, darling can't you hear me S.O.S. The love you gave me, nothing else can save me S.O.S.” Es wird heutzutage mehr gesaved, als ABBA damals ahnen konnten und geredet wird jetzt auch nicht mehr. Hier wollte ein Hightech-Freund den Begriff SOS durch SMS ersetzen und verlangte Neuaufnahmen des Originals, sowie aller vorhandenen Cover-Versionen. Das Entsetzen bei Oldiefans spiegelte sich in faden Strahlen eines durch eine Diamantnadel gebrochenen Lichts auf den Gesichtern wider und hielt bis zum Morgengrauen an. Fürs und Pros wurden abgewägt und man einigte sich darauf, dass nur Neuauflagen mit der neuen Technik-Reform bedacht werden.
Zahlreiche Songs, in denen flehentlich an Telefonen gewartet wird, sollen sukzessiv auf hibbeligen Handybetrieb umgestellt werden. Des weiteren sind die Lieder betroffen, in denen Briefträger aufgrund von Brieflieferzeiten massakriert werden. Hier wird man versuchen, ggf. per E-Mail auf einen neuen Standard zu kommen, was auch Vertreter von Amnesty International im Rahmen ihrer Tagung über schutzbedürftige Überbringer guter und schlechter Nachrichten bereits begrüßt haben. „Please Mr. Postman“ könnte als Kernaussage das Ende des analogen Internetanschlusses einläuten und so auch wieder für die Werbeindustrie interessant werden. Wer kennt noch das 80er-Jahre-Söngchen „Ten O’Clock Postman“? Das wird komplett gelöscht, ganz im Gegensatz zu „Words“ von F.R. David, dass die Verzweiflung vor einem leeren Email-Dokument sitzend beschreiben soll.
Besonderes Augenmerk legte man in der Tagung auch auf anderen Technikformen. So soll grundsätzlich geprüft werden, ob der Begriff „record“ in englischsprachigen Songs wirklich mit Schallplatte übersetzt werden kann, was eine Lawine an neuen Texten erfordern würde oder ob es lediglich mit Album eine Sammlung von Songs meint. Ein amerikanischer Vertreter der dortigen Musikjournaille verwies in dem Zusammenhang auf Bruce Springsteen und fragte, ob es noch zeitgemäß wäre, einen Begriff wie „turn the radio on“ im Zusammenhang mit „sitting in my car“ durchgehen zu lassen, denn die Mehrheit der Autos verfüge neben einer Klimaanlage (die als Air-Conditioner ja schon früh Einzug in Songs erhalten hat) auch über CD-Player.
Zum Schluss wurde der Vorschlag eines deutschen Freizeitjournalisten rigoros abgelehnt, der forderte, die gesamte Romantik aus den Songs zu entfernen, da eine zunehmende Verrohung des Sprachgebrauchs als Trend zu erkennen wäre.
Pop-Literaten, Songautoren und Musikjournalisten sollen in den nächsten Monaten alle verfügbaren Kräfte zusammentrommeln und recherchieren was das Zeug hält, damit bis Weihnachten die ersten Technik-Reform-Compilations in den Läden stehen können. Dabei soll eine schneefreie Version von „White Christmas“ , die speziell für mediterane Länder geschrieben wurde, den Siegeszug des legendären Hits erneut fortsetzen.


Reach Out

Kaum war Rehakles aus der siegreichen Schlacht auf der iberischen Halbinsel zurückgekehrt und hatte seine Mannen zu den Gipfeln des Olymps getrieben, da steht sie mit ihrem Feuer schon vor der Tür, bzw. schon mit einem Bein in der selben: Olympia, guten Tag.
Eine stimmungsvolle Hightech-Eröffnungsfeier mit Zeit- und Gedankensprüngen, die den normalsportgeschichtlich Interessierten auf ein: „Habense gestern die Feier gesehen. Ne, war dat schön“ reduziert. Typen wie ich saßen da und glotzten und warteten auf das Silbertablett mit Otto, dem griechischen Fußballgott, aber er ließ mich warten und so wartete ich die Feier eben ab, ohne abzufeiern, denn a) war der Einmarsch der Nationen noch langweiliger als der Singsang beim Schlager-Grandprix VOR der Punktevergabe und b ) nur deshalb bis zu einem Punkt erträglich, weil es nach dem griechischen Alphabet ging und der normalsportfremdsprachlich Interessierte nicht unbedingt wissen konnte, welches Land als nächstes die vierhundert Meter Verbeugen und Winken absolviert.
So nach und nach stiegen dann die Wettbewerbe und es wurden Nationalhymnen gehisst und mit Fahnen gesungen und immer ohne deutsche Beteiligung. Möge der Beste gewinnen, notfalls mit Gewalt am grünen Pokertisch. Doch was nützt das nachkarten? Gar nichts. Die Griechen haben – ja, um es auch mal zu sagen, ohne zu wissen, was damit gemeint ist – ein Wunder geschafft. Sie wurden nämlich just-in-time fertig. Eine Leistung, die hierzulande hoch eingeschätzt wurde, denn entweder kommt man zu früh oder man kommt zu spät aus den Startlöchern. Der Trick ist, beim kalkulierten Zu-spät-kommen einfach zu früh zu kommen. Dann müsste man zeitnah in time sein. Das aber nur am Rande.
Der diesmalige Olympiasong scheint ein echter Geheimtip zu sein. Ich kenne ihn noch nicht mal. Das war vor zwanzig Jahren anders, als Georgio Moroders Patriot-Song-Rakete anlässlich der Olympischen Spiele (Kenner beschränken sich auf ein kennerhaftes „die Spiele“) in Los Angeles (Kenner beschränken sich abermals auf ein kennerhaftes „El Ey“) zu allen Gelegenheiten gedudelt wurde und man hinterher zwischen amerikanischer Nationalhymne und Olympiasong kaum noch zu unterscheiden wusste. Aber damals wie heute stehen unsere Sportler mit den Füßen in den Tränenpfützen, den Freudentränenpfützen der anderen Nationen. Reach out, reach out for a medal. Möge der Beste gewinnen.

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