Selig sind die Unwissenden.

Früher, als ich noch kein Forum kannte, nicht mal Internet besaß (weil es zu einer Zeit war, in der es noch keinen privaten Zugang gab und selbst Btx noch erforscht wurde – aber wir hatten Fax und manche Faxen dicke) und auch nur wenig über Musik nachgedacht habe, wenn man mal die intuitive aus-dem-Bauch-heraus-wohlfühl-Befindlichkeit weglässt, stand ich vor meinem (Nostalgie Express) Kiefer Plattenregal und legte ohne Mühe auf, was ich gerade hören wollte. Eine Zeit lang dachte ich darüber nach, was wohl Menschen mit sehr kleinen Händen machen, während ich eine LP mit einer Hand, den Daumen außen, Ring- und Mittelfinger im mittleren Label positioniert, mit der anderen Hand das Innensleeve ziehend, auf den Plattenteller balancierte. Anstellen, Abstauben, den Hebel für den Tonarmlift betätigen und langsam, mit liebevollem Gefühl senkt sich die Nadel auf die Platte (der Kenner errät bereits, dass es sich um einen direktgetriebenen Dual 701 handelt). Kurz darauf ertönt die für mich damals schönste Musik überhaupt. Es konnte alles sein und ist in seiner Spezifikation nicht weiter wichtig, denn es ging um mehr.
Nicht nur das Tonträgerformat hat sich geändert (jetzt werden auch Menschen mit kleinen Händen berücksichtigt), sondern auch Hörgewohnheiten. Vorbei ist die unbekümmerte Zeiteinteilung von 22 Minuten mal zwei, die eine Platte intensiver hören ließ. Früher hörte ich bei einigen Platten die B-Seite häufiger als die A-Seite, was selten etwas mit der Qualität zu tun hatte. Ich war nur zu bequem, die Platte entweder zu wechseln oder noch mal umzudrehen. Heutzutage höre ich ein Album gleich vier- fünfmal komplett durch, denn – bequem bin ich immer noch. Und noch etwas hat sich gewaltig verändert: Heute stehe ich vor meinem CD-Regal aus Buche, handgefertigt und optimal eingepasst (und schon wieder zu klein) und stelle mir andere Fragen. Die jugendliche Leichtigkeit des Hörens ist einem abgeklärten Sich-In-Frage-Stellen gewichen. Plötzlich finde ich kein Album mehr, dass ich sorglos hören kann. Es kann auch daran liegen, dass ich solche Alben gar nicht besitze, aber das schließe ich aus. Allerdings könnten diese legitimen Alben wiederum nicht zu meinem bevorzugten Musikgeschmack gehören, sondern haben sich in der Zeit angesammelt, nicht verbraucht und nun stehen sie da – und ich auch - vor meinem Regal und weiß nicht, was ich hören soll. Besonders ,wenn es einfach mal laut sein soll, über Kopfhörer versteht sich, denn die Nachbarn haben auch Stereoanlagen, aber einen vermeintlich einfacheren Geschmack. Es wäre falsch, sie mit lauter und guter Musik zu provozieren, nur um eine gebrannte Version von „Arena-Hits 2004“ als Antwort zu bekommen. Natürlich habe ich noch viel geschmacklosere Musik im Schrank, aber Angst vor einem Rückfall in einen musikalisch nonchalanten Aggregatzustand, aus dem ich mich nicht mehr befreien könnte, denn die Wurzeln, die Roots sind lang und tief, aber nie durchtrennt.

Charity Charity oder Der Rubelschuh des Manitou

Es wird wieder Sommer. Die Schwalben pfeifen es von Flachdächern. In platten Gegenden werden Bühnen aufgebaut und Musik hebt an. Es gibt Orte, die kennt man von Fußballvereinen, mit einigen verbindet man Handballvereine und fragt sich, was die sonst noch haben und dann gibt es Orte, die nur auf einer Open-Air-Landkarte auftauchen.
Wer sich auf so ein Spektakel einlässt, sollte eine gewisse Grundegalhaltung mitbringen, bzw. bewusstseinserweiternde Getränke im Gepäck haben, denn nüchtern ist das nicht zu ertragen. Da sind wir auch schon beim Hauptübel aller Openairs. Der Besucher schleppt ca. 400 kg seiner persönlichsten Utensilien (Zahnbürste, Zelt und Bier) über den vier Kilometer entfernten Parkplatz zu seinem Zeltplatz, der nicht vorreserviert ist, sondern sich aus logistischen und kraftreservenden Gründen ergibt. Hallo Speditionen, hier gibt es Handlungsbedarf. Nun, wir lassen alles links liegen, atmen den ersten Würstchenduft (man hofft, das es Würstchen sind) ein und beginnt mit der Landgewinnung, indem in einem Radius von zwanzig Metern erst mal alles abgesperrt wird, um sein Iglu-Zelt aufzubauen. Der große Radius ist deshalb erforderlich, um den belustigten Blicken derer zu entgehen, die schon vor einem ankamen und sowieso alles besser können oder es besser haben. Mit Glück, das sei nebenbei erwähnt, regnet es nicht.
Zelt steht, Luma ist aufgepumpt, Bier auf. Halt! Jetzt geht es erst richtig los. Früher hörte man ein Zischen, dann metallisches ziehen und seliges Schlucken. Vergangenheit, je weiter man sich von der holländischen Grenze entfernt, denn es gibt fast kein Dosenbier mehr. Also schleppt man entweder unstylische Pet-Flaschen oder zentnerschwere Glasflaschen mit sich herum. Hallo Speditionen... nein, hallo Charity!
Um es dem Festivalbesucher so angenehm wie möglich zu gestalten gibt es Waschplätze, Dixies, oft ein Discozelt (für Totalverweigerer guter Musik) und einen provisorischen Supermarkt mit gewohnten Tankstellenpreisen. Demnächst wird es Krankenhauszelte geben müssen, um die Armeen der Schnittverwundeteten versorgen zu können. Die Pläne liegen bereits im Papierkorb, der im Tresor des Umweltmysteriums steht. Ein Blick zeigt, die Schulmedizin ist gewappnet, denn mit der Privatisierung der Krankenhäuser und dem neuen Abrechnungssystem erkennen immer mehr Chefärzte ihre Chance und bieten in Zukunft kleine ambulante Eingriffe auf Festivals an, wie man es sonst nur von Friseuren kannte. Weisheitszähne, Blindarm, Mandeln, Polypen – kurz, den ganzen Kram, der sonst nur aufhält und schlecht vergütet wird gibt es gegen Bares. Ein Tag Pause, viel desinfizieren und wieder ab in den Mosh-Pit. Vorsicht mit dem Tropf, aber sonst: Keine Atempause.
Am Ende bleibt nur eine Frage: Wieso sind kaputte Glasflaschen umweltfreundlicher als platt getretene Dosen?

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