Fliegenköpfe

Der Kastellan – 400 Jahre online

Sein Geist hängt wie das Damoklesschwert über halbvirtuellen Köpfen und überwacht die unwirtliche Wirklichkeit jenseits der Tastatur. Welche Farbe mag sein Kittel haben? Grau, wie man ihn von Krause kennt oder lieber jenes weiß der Tatort-Pathologen aus Münsteraner Unikliniken? Warum sollte es überhaupt einen Kittel geben? Der Hausmeister trägt ihn als Berufskleidung und gewissermaßen auch als Autoritätsschild. „Entschuldigung, können Sie mir…“ – „Nee, ich bin hier der Hausmeister und kein…“ Wenn ich jemanden so gelangweilt wichtigblickend sehe, spreche ich ihn gar nicht erst an. So viel Zeit muss sein.
Der Hausmeister, von dem ich spreche ist der gute Geist eines virtuellen Schlosses, das ständig erweitert wird. Neben der Empfangshalle gibt es sehr viele Sozialräume und einen Thronsaal. Doch ein Kastellan wäre nicht Kastellan, wenn er nicht auf treue Handwerker zurückgreifen könnte, die er aus einer Heerschau ausgesucht hat. Wer die rollenden Steine richtig zusammenhält darf auch Baumeister sein. Jeder Morgen ist für Überraschungen schlecht und gut zugleich, denn was die Materie sich des Nachts aus dem Hirn gemartert hat, muss erstmal sondiert und sortiert werden. Kein leichter Job, will man sich nicht alles durchlesen. Doch schon kommen die fleißigen Handwerker (für jeden Finger einen, so delegiert man Arbeit) und lesen emsig den täglichen Wahnsinn durch.
Für 400 Jahre gemeinnützige online-Arbeit wollte ich mal gehörig danken und applaudieren. Einer muss jetzt noch den Schleim wegmachen.


Elf Freunde sollt ihr sein

Fußball kann ein Leben sein. Nehmen wir Ernst Huberty, den jeder sogleich in dem spartanischen Studio vorm geistigen Auge hat. Oder eine Persönlichkeit wie Manni Breukmann, dazu noch Kurt Brumme, der so manchen tristen Samstag in ein informatives Fest verwandeln konnte. Sie alle machen etwas anderes, wenn in Europa die Meisternation ausgespielt wird. Und weil viele Menschen glauben, Fernsehen kostet nur den Strom, den der Apparat verbraucht, haben die öffentlich-rechtlichen Sender mittlerweile kein Geld mehr für niveauvolle Untermalung des Geschehens auf dem Rasen.
Was will man auch groß erzählen. Das kann ich wohl sagen: Inzwischen ist es nicht mehr auszuhalten, was Reporter sich ausdenken, um dem Spiel einen Stempel, den eigenen nämlich aufzudrücken, dabei wäre es von der Spielqualität her wirklich wichtig unbequem zu sein, doch halt: Es gibt zwischen dem DFB und dem Fernsehen eine Absprache des üblen Nachtretens. Nickeligkeiten (ein reines Fußballwort?) sind nicht erlaubt. Das hat Rudi Völler ja erst neulich zum Ausdruck gebracht. Das die deutsche Mannschaft erfolgsorientiert spielt steht außer Frage, nur schön ist es nicht, was aber kein Qualitätsmerkmal sein kann, wenn der Erfolg da ist. Wir sind in Portugal, viele andere Länder sind es nicht. Da kann man nicht meckern.
Gibt es eigentlich auch Auswahlverfahren für Sportreporter? Muss man besonders wenig sagen, besonders viel? Wo ist da die Grenze. Der rote Faden scheint das Faseln zu werden. Faselfasern zu taudicken roten Fäden. Früher, zu Zeiten von Rubenbauer und Fassbender war es noch fast kabarettistisch zu nennen, was erzählt wurde. Besonders der Erstgenannte erklärte einem gern etwas („Jetzt wechselt Jamaika den Torwart aus“), der zweite sah meistens weg oder berührte emotional („Schickt ihn zurück in die Pampas“). Was einem heute geboten wird ist eher ein Starsearch (bitte vormerken für das Unwort des Jahres, lieber Verein für deutsche Sprache) der Verdammten. All jene Reporter, die in den letzten zwei Jahren einen blauen Brief wegen Dummheit bekommen haben, müssen nach Portugal und während die deutsche Mannschaft voller Heimweh schon langsam die Koffer packt, werden die Herrschaften gleich weiter verfrachtet nach Griechenland, von da aus auf eine kleine karge Insel ohne Strom und ohne Fußballplatz – und ohne Mikrofon.

Um die eigene Gedankensülze gleich noch mal abgesegnet zu bekommen, laden sich die Sender neuerdings „Experten“ ein, die völlig unbefangen und kritisch alles hinterfragen. Vorsorglich zunächst die Dotierung des Vertrages, über den auch Stillschweigen vereinbart wird. Reporter, denen wirklich nichts mehr einfällt, was nicht andere auch schon ungefragt vergessen haben laden sich dann Franz „die Glühlampe allen Unfugs“ Beckenbauer ein, der in einer unnachahmlichen Art die gesamte Reporterriege wie Schatten aussehen lässt. Er macht den gleichen Trick wie einst Rudi Völler, links antäuschen, rechts vorbei, nur eben verbal. Wer die Möglichkeit sucht und hat, sollte ihn mal folgendes fragen: „Herr Beckenbauer, sind Sie nicht auch der Meinung, dass es jetzt genau 13 Minuten nach vier ist?“ Antwort: „Jaha, 13 Minuten, das ist fast eine Viertelstunde, da, ha , kann man schon mal sagen, esist, esist, äh eine Viertelstunde, auch wenn am Ende zwei Minuten fehlen, aber so ist Fußball.“ Und so geht es in einem fort, die ganze Zeit. Es fehlen immer zwei Minuten und ich haue mit dem Kopf auf die Tischplatte, bis es aufhört weh zu tun (der Satz ist leider nicht von mir, aber ich leihe ihn mir mal eben aus, Herr Droste).
Dunkle Kanäle haben aber nun folgendes erforscht. Für Fußballreporter gibt es eine internationale Messe in London, die so genannte „Interkick“. Dort werden für alle Sparten und Typen Workshops und Seminare angeboten („Wie werde ich Heribert Fassbender“ ist die schonungslose Tagebuchsammlung, dieser Messe). Zudem können Reporter dort an Verkaufsständen nützliche Helfer kaufen, wie „Die kleine Floskelfibel“, „Gebrabbel in der Tiefe des Raumes“ oder „Blutgrätsche, die wichtigsten Verletzungen“. Wie jedes Jahr ist der Verkaufsschlager „Abseits – die unbekannte Größe“. Mit Videokamera und Rollenspiel werden Unwahrheiten und Versprecher geprobt, um sie glaubhaft verkünden zu können.
Wenn in diesen Tagen die Flaggen auf Halbmast hängen, dann hat nicht nur die Mannschaft versagt, sondern eine ganze Region. So ist Fußball.

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