Ich will wieder Bandkriege

Es ist ruhig geworden. Die neue Melancholie hat die unbeschwerte Heiterkeit aus den Liedern genommen. Es wird nicht mehr gerockt wie früher, als alles besser war, was man heute gut zu denen sagen kann, die früher gar nicht dabei waren. Doch nun ist das Maß voll. ‚Morgen war alles besser’ ist die neue Richtung. Mehr Rock’n Roll, Missachtung der Zimmerlautstärke, mehr Rock, mehr Roll, mehr Schutt und Asche. Seitdem sich diese Halbaffen (alle, wie sie da musizieren) wie kultivierte Menschen benehmen, befindet sich die gesamte Wirtschaft in einer Talsohle. Es müssen wieder Hotelzimmer verwüstet werden, Fernseher müssen aus Fenstern geworfen werden (das Programm-Niveau ließe dies ohne weiteres zu) und der Rest des Zimmers sollte ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen werden. Stattdessen Küsschen für den Pagen, Autogramme fürs Gästebuch und sauber gefaltete Handtücher im Hotelbad.
Die früher (da ist es ja wieder) beliebten Bandkriege (Beatles vs. Stones, Sweet vs. Bay City Rollers, Oasis vs. Alle) gibt es nicht mehr. Kriegsbeillieferanten melden Konkurs an, Schaufelhersteller allerdings wachsende Umsätze. Es scheint wie der Dornröschenschlaf der Gerechten und Selbstgerechten. Die Benimm-Schule hat die Rocker zu kleinen Würstchen gemacht. Klaus Hoffmann sang einst das beliebte Kindergärtnerinnenlied: „Jedes Kind braucht einen Engel“ und ich sage, jede Band braucht einen Uli Hoeness. Keine Presswurst im Naturdarm, sondern einen ständig entzündeten Wurmfortsatz. Zaghafte Versuche von Reinhard May (mehr Quote) werden von den Massen ehemaliger Zivis und Totalverweigerer („Eingrenzung ist Ausgrenzung“) sofort im Keim erstickt, bevor überhaupt etwas zerschlagen wird. Jedes Aussitzen wird zwangsläufig zur Sitzblockade. Stillstand ist der Tod (Herbert Grönemeyer) wäre ja noch etwas Aktivität, stattdessen sitzen sie da und schweigen. Die pausbäckigen Vedders, Greens, Adams’ und wie die alle heißen. Wo sind denn die Bands, die sich die Fresse polieren (und mehr als ein Schneidezahn in die Brüche geht), die randalieren, weil der Moment es erfordert und kein Budget oder Imageberater in der Lage ist, das Durchdrehen aufzuhalten. Koste es was es wolle. Es geht hier um Rockmusiker, nicht um die Tentakel der Boulevardpresse, die die Castingshows nach Skandalen auspressen. Ich will kein Blut, sondern intelligentes Mediengerangel, Anspielungen in Songs, Festival-Absagen sobald eine falsche Zusage kommt und Nervenverlierende A&R-Manager, die keine Macht haben. Es muss mehr verbraucht werden.

Das kommt davon

Wann immer ich versuche, die Gelegenheit zu nutzen ungefragt auf nicht gestellte Fragen zu antworten, entgegnet man mir: Ja, aber das ist doch lustig und man hat doch sonst nichts, das Jahr über. Worum geht’s? Karneval natürlich.
Ich verkleide mich gern als Intellektueller, schwafel dumm und schlau und rede von Dingen, die sich nicht gehören. Das gehört sich nicht. Natürlich nicht. Ein Auto und ein Rotkehlchen gehören sich nicht. Dem Auto nicht das Rotkehlchen und umgekehrt. („Tataa“). Was sich aber außerdem nicht gehört, sind schlechte Redner an lustigen Pulten. Was war zuerst, der Büttenredner oder Pappmaché? Nein nein nein. Zuerst war der Winter und der soll vertrieben werden mit bunten Kostümen und Tanz und gute Laune. Heute ist Rosenmontag, morgen soll es übrigens schneien. Aber sei’s drum. Der Winter ist schon so weit vertrieben, dass er gar nicht mehr her kommt. Er traut sich einfach nicht mehr, denn ein Winter hat nichts zu lachen und wenn er mit schlechten Witzen vertrieben wird, wird er traurig.
Nun kann man in seiner Weltoffenheit und Toleranz ja sagen: Och Karneval ist ja für die Kinder. Na klar, vor allem für uneheliche. Oh welch simple Moral, aber bitte: wer hat angefangen? Ich fühle mich durch den Karneval in der Ausübung meiner bürgerlichen Pflicht (arbeiten und Fresse halten) gestört. Arbeiten geht gerade noch. Da wo ich wohne wird der große Umtrunk, äh Umzug bereits am Samstag gestartet, damit alle Pseudo-Jecken am Montag wieder auf der Schicht sind. Ich kannte Karnevalsumzüge früher nur aus dem Fernsehen. Da waren dann zwei lustige Kommentatoren, die viel über interne Seil- und Machenschaften wussten und auch erzählten. Ich glaube, die wussten sogar, wer vom Kommentatorenplatz aus gesehen gegenüber wohnte und gerade am Rosenmontag die Fenster putzen wollte. Das war aber auch in Köln und nicht in Südwestniedersachsen.
Die tollen Tage dauern ja zum Glück nicht ewig. So mancher kann übrigens nicht nachvollziehen, warum ich Karneval nicht komisch finde. „Die haben doch immer gute Sprüche auf den Wagen. Und in der Bütt geht’s doch auch richtig zur Sache!“ „Jau geht es. Geht’s noch?“ Karneval ist ungefähr so komisch, wie barfuss über Nägel laufen. Sie (die Nägel) könnten sie (die Fußsohlen) ja kitzeln und dann lacht man, aber meistens tut es nur weh. Als ich neulich mit meiner Familie durch die Fußgängerzone ging, sagte mein Sohn plötzlich, als er einen Bettler mit Pappschild sah: „Guck mal, der picknickt hier…“ So kann man es auch sehen und das finde ich komisch.

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