Das Prinzip Naddel im Heuhaufen oder die Unfähigkeit zu lachen

Die Raben pfiffen es schon vor einiger Zeit von den Dächern. Die Schlager-Euphorie ist längst vorbei, Typen wie Guildo Horn und Dieter Thomas Kuhn liegen auf dem Elefanten-Friedhof neben Dieter Thomas Heck und Ilja Richter. What a shame, denn während sie da so fossilieren, erhebt sich Phönix aus der Asche und sendet neue Star-Retorten aus die, gleichsam wie Lemminge, dem Abgrund des Show-Business entgegen gesteuert werden. Nach Talk-Shows und Quiz-Shows folgt jetzt ein Format mit dem internen Arbeitstitel „Heul-Show“. Das Heulen bezieht sich auf Freudentränen, Verlierertränen und Gesangsbeiträgen. Phönix verbrennt. War man bislang darauf fixiert, besonders „gute“ Sänger/innen zu erleben, wird der ganze Klumpatsch noch auf andere Show-Gebiete erweitert und gipfelt im Nomen est Omen: Comedy-Star-Search. Klamauk is coming home. Zu der Sendung baue ich mir übrigens immer wieder gern meinen Ingrid-Steeger-Gedächtnis-Schrein auf und rezitiere mit den Original Plastikfiguren von Peer Augustinski und Elisabeth Volkmann Dialoge aus Klimbim, während sich im Medienzentrum zwei unkomische Typen einen Abrackern, um die Lachmuskeln zu strapazieren. Da bekommt der Satz: „Lachen bis der Arzt kommt“ eine ganz neue Bedeutung, ebenso wie Mike Krügers Statement: „Ich bin Hein, Hein von der Werft und ich kanns nun mal nicht ab, wenn man mich nervt. Und wenn mich einer nervt, zähl ich bis acht und dann kriegt er in die Schnauze bis er lacht.“
Die Pflicht zur Freude, mittlerweile als 11. Gebot in den Lifestyle-Katechismus implementiert, verwäscht die schlechte Qualität mit Totschlag-Argumenten und Massenberieselung mit Masse. Auf der grünen Wiese steht nicht nur ein Karussell, nein es entsteht dort neben bestehenden Einkaufsparks, die Konsumterror feil bieten, eine Star-Search-Hühnerfarm, in der täglich viele faule Eier gelegt werden. Die Gag-Schreiber vom König der Entertainer Harald Schmidt machen einen weiten Bogen um die verlachte Stammtisch-Witz-Fabrik. Ihr Chef bittet sogar darum. In dem Gebäude sitzen Komiker in kleinen Käfigen und werden via Videotext mit den neuesten Nachrichten gefüttert, die hinten als Pseudo-Gag wieder herauskommen sollen. Wie von Sinnen wird hier gesponnen und ersonnen, auf dass Balder wieder gelacht werden darf. Soviel guten Humor erlebt man sonst nur in Sylvester-Shows für wach gebliebene Rentner ab 1 Uhr. Es will keiner sehen und deshalb kommt es jetzt zur besten Sendezeit, am besten täglich.

The Ebayist

Der Handel von Nachrichten aus aller Welt droht ins Wanken zu geraten, ebenso wie die Welt selbst. Das Ausmaß der neuesten Veränderung ist noch gar nicht abzuschätzen, aber es werden wieder Köpfe rollen – müssen. Der Hintergrund: Nachrichtenagenturen haben bislang ihre Ware, die Nachricht, per Vertrag mengen- und qualitätsbezogen an Printmedien und ans Fernsehen verkauft. Ein blühender Handel, vor allem für Telefongesellschaften, Faxgeräte-Hersteller und die Papierindustrie. Was Reporter aus aller Welt zusammentragen wird in den Nachrichtenagenturen gesammelt und dann an die Auftraggeber weitergeleitet. Per Fax meistens. Früher per Fernschreiber, davor per Taube. Am Fax ist eine Endlos-Papierrolle angeschlossen, und endlos meint hier auch endlos, denn Personalkosten wirken sich negativ auf Nachrichten aus. Tag und Nacht rattern die Geräte den permanenten Wahnsinn, der auch ein Quell der Kuriositäten ist, aus den schmalen Schlitzen.
Aus den Informationen bastelt sich der Redakteur einen Bericht und schwupps – kommt die Zeilenprämie. Das ist gut, denn auch ein Redakteur muss mal essen, ebenso wie ein Reporter, doch könnte der Reporter sich in Zukunft evtl. an ein Tischlein-deck-dich setzen, während der Redakteur nur noch die heruntergefallenen Brocken bekommt. Warum?
Weil jetzt pfiffige Geschäftsleute mit dilettanter Prägung als „Mann vor Ort“ Nachrichten sammeln und nicht, wie es sich gehört an die Nachrichtenagenturen vergeben, sondern ohne Schamgefühl, Kompetenz und Glaubhaftigkeit bei Ebay versteigern. Oftmals sind die angebotenen Artikel schon journalistisch aufbereitet, so dass ein Magazin nur noch Berichte, Dossiers, Leitartikel und andere Nachrichten ersteigert und vom Setzer bearbeiten lässt, bevor es in den Druck geht. Der Glaspalast an der BAB 2 lächelt seitdem und strahlt noch heller als bisher, denn – wie teuer Nachrichten sein können beweist folgendes Beispiel:
Elvis lebt!“, Startpreis 4800,- €, Nachricht sofort kaufen 7400,- €. Aha, denke ich und weiß nicht, wie vertrauensvoll der Verkäufer ist, also schaue ich mal in den Bewertungen nach. 5 positive, 1 neutrale, 1 schlechte. „Super Ebayer, Nachricht kam sofort und war bereits Korrektur gelesen.“ steht da z. B. oder „Inhalt war bei Erhalt veraltet.“ Die schlechte Bewertung bezog sich auf eine „Ente“, die 2850,- € gekostet hatte. Mein Freund, der chinesische Restaurant-Besitzer hat daraufhin die Preise für „Peking-Ente“ verdoppelt.
Elvis lebt“ interessiert mich im Moment nicht, „Reunion von ABBA“ scheint realistischer, ist aber falsch. Gleich drei Kategorien von Todesfällen werden angeboten. Das Angebot reicht von „sehr günstig“ bis „sehr teuer“. Besonders günstig wird es, wenn Drogen-, oder Unfalltod genannt werden. Ewas kostspieliger sind Nachrichten über Selbstmord und unbezahlbar sind „Tod durch mysteriöse Umstände“ und der „normale Tod“. Das können sich dann nur noch die ganz Großen leisten. Nachrichten mit Bildmaterial werden bereits jetzt von Power-Info-Sellern (kurz: PIS) in Shops verschlüsselt angeboten.
Ebay hat jedenfalls auf diese Entwicklung sofort reagiert und die Bietfristen für Nachrichten auf Stunden reduziert, da dies ein schnelles und kurzlebiges Geschäft ist. Gleichzeitig wurde ein „Special-Member“-Bereich eingeführt, der es den „normalen“ Ebay-Usern nicht gestattet, die Nachrichten einzusehen. Die von privaten Usern angebotenen Nachrichten werden bislang nicht gehandelt. Hier sagt Ebay ganz klar: „Nachrichten, die nicht dem Pressekodex entsprechen, können nicht ersteigert werden. Wir behalten uns vor, diese Nachrichten umgehend aus der Angebotspalette zu entfernen. Sollten Sie Interesse an der Versteigerung von Nachrichten haben, bitten wir Sie, uns ihre Legitimation in Form von Referenzen zuzusenden.“ Ausweiskontrolle und Leibesvisitation sind unerlässlich, selbst in Glaspalästen.

[einkaufsverband]

Monatlich erscheinen verschiedene Musikzeitschriften, die regelmäßig Musik-CD’s beilegen. Die Musikindustrie hat mal kurz gemuckt, als dieser Boom inflationär zu werden drohte, doch die Printmedien haben dann mal kurz durchgeatmet und jetzt ist alles gut. Alles? Nein, denn eine vermeintlich kleine Gemeinde, bestehend aus Jägern und Sammlern konsumiert die dort vorgestellten CD’s, im Original versteht sich. Downloads und Brennkammern sind zwar nicht verpönt, haben gegen den Original-Besitz jedoch relativ kleine Chancen. Der Markt der Liebhaber scheint so klein zu sein, dass der Boom gar nicht auffallen möchte. Plattenläden, mediale Märkte und Internet-Versender beharren gleichsam auf starre Verkaufspreise, koste es was es wolle, dabei wäre alles so einfach. Die Musikindustrie subventioniert die vorgestellten Alben und der Handel senkt für diese Alben für einen Zeitraum von zwei Wochen die Preise, fertig ist der Konsum. Leider kommen immer nur die Kunden auf die Idee, die Preise zu senken und so bleibt dieser Vorschlag Illusion.
Den neuesten Trend setzt in diesem Zusammenhang mal wieder das Rolling Stone Forum, dass jetzt auch für den Innovationspreis der deutschen Musikindustrie vorgeschlagen wurde. Eine Idee so einfach, wie das Brennen von CD’s: Es kommt zu einer Sammelbestellung von vorgestellten Alben. Die so erreichte Menge senkt die Kosten für Versand und Kommissionierung, spart Arbeitszeit bei der Auftragserstellung und Rechnungsschreibung. Zu diesem Vorschlag trafen sich Vertreter der Musikindustrie, der Händler, des Rolling Stone und des Forums zu einer Erörterung in Köln im Rahmen der PopKomm. Erstaunlicherweise wurde bereits nach der unerschütterlichen Aufdringlichkeit des Köbes und dem zweiten Kölsch ein Kompromiss gefunden, der seinesgleichen sucht.
Die Abwicklung ist denkbar einfach. Der Rolling Stone gibt mit der Veröffentlichung der CD den Händler-Partner und den reduzierten Preis bekannt. Auf einem Treuhandkonto werden die Beträge von den Käufern überwiesen. Gleichzeitig gibt der Verkäufer seine Versandadresse dem Händler bekannt. Bei amazon.de gibt es dort den „Ich bin RS-Forums-Aktivist“-Button, der lt. Branchenkennern auch in anderen Internet-Verkaufsräumen eingeführt werden soll. Die Händler informieren per E-Mail über den Versand. Dann wird das Geld an den Händler überwiesen.
Keine schlechte Idee“ sagt der Verbraucher und auch die Händler trinken darauf ein Kölsch. Lediglich der Rolling Stone kommt dort nur als Randerscheinung ins Spiel, hat aber die Chance auf den Innovationspreis. Ruhm und Ehre sind mit Geld nicht zu bezahlen. Die Vertreter der Musikindustrie mussten allerdings schnell weg. Der geplante Vortrag über den ruinösen Verlauf der Marktsituation wurde nicht abgesagt.

PopGeh

Der Kölner an sich ist ja ein eher selbstgefälliger und feiernder Geselle. Wenn es keinen Anlass gibt, sucht er sich einfach einen. Wer das Verhalten kennt, weiß genau, wie er außerhalb der Pappmaché-Zeit einen Event aufziehen kann. Die Stadt hilft gern mit, besonders wenn es um (bitte immer mit kölschem Akzent lesen) Kultur geht.
Nicht umsonst, zufällig oder gar unbewusst haben sich in Köln eine Vielzahl von Unternehmen aus der Unterhaltungsbranche angesiedelt. Eijentlich nur die janz Jroßen. Kürzlich sollte der Star-Schein auf Düren fallen, doch Köln sagte zu RTL: Nä Jong, jetz blievvste schön he und zahlst dinge Jewerbesteuer bei uns. Warum sagt Köln das? Weil schon längst das Kündigungsschreiben von der PopKomm auf dem Schreibtisch des Kulturmannes lag. „Dat jitt Ärjer“ raunte er seinem Spiegelbild zu, um der vorgefassten Presseerklärung den Zusatz „Das Ringfest wird aber beibehalten“ mit rotem Kugelschreiber hinzu zu fügen.
Dieses Jahr fand sie also zum letzten Mal in Köln statt, die Veranstaltung, bei der sich ab der Taufe alle Beteiligten gegenseitig auf die Schulter klopften und mit Beginn der Regenzeit alle Übriggebliebenen gegenseitig bemitleideten. Unterhielt man sich vor Jahren noch darüber, wie man das hart erarbeitete Geld möglichst schimmelfrei anlegt, veröffentlichten dieses Jahr die Medien-Verzerrer einen Kleinanzeigenmarkt mit der Rubrik: Scheffel-Inventar zu verkaufen. „Eijentlich nur die janz Jroßen“, denn die Kleinen, die im Dunkeln, die sieht man nicht (mehr). Der Tenor der Veranstaltung wurde von dem immer kleiner werdenden Gesangsverein canonartig vorgetragen. Der Titel diesmal: Lieschen Müller brennt uns den Umsatz kaputt. „Hahaha“ lachte laut ein Doppel-Comet auf, der die amerikanischen Superstars im Schweife ihres eigenen Angesichts im Schatten stehen ließ. „Ich habe ganz andere Sorgen. Ich werde fotografiert! Und nicht nur ich.“
Zurück zur PopKomm. Sie geht, wie der Bundestag vor Jahren, endlich nach Berlin. Und wieder gibt es vereinzelte Chöre die singen „It’s coming home“, denn offenbar ist Berlin nun der musikalische Unterhaltungs-Nabel Deutschlands. So scheint es, dabei sind es ganz einfache Gründe, die für Berlin sprechen. Die Lkws und Fahrer vom Bundestagumzug stehen seitdem etwas beschäftigungs- und fassungslos herum und kennen zudem noch den Weg. Ein Anruf genügt und die Karawane rollt wieder weiter. In Berlin ist mittlerweile alles schöner und größer und im Sony-Center kostet der Kaffee fast so viel, wie zwei Halve Hähne am Büdche in Köln. Das ist nicht ruinös inflationär, sondern versnobt schick. Die Stars wohnen auch viel lieber in Berlin, allein schon wegen dem Flair und den kulturellen Möglichkeiten. Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt, wir müssen warten. Inhaltlich könnte die PopKomm ein Warten auf Godot werden, denn die Plattenfirmen werfen doch zu gern die wiedergekäuten Argumente immer wieder in die Gebetsmühle, um das Jammertal zu beschreiben. „Eijentlich ävver nur die janz Jroßen“.

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